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Ab Dezember gibt es wieder einen Nachtzug zwischen Berlin und Wien. Wir haben den neuen Nightjet der ÖBB unter die Lupe genommen – und vergleichen ihn mit dem alten Metropol der ungarischen Bahn.

Die Spatzen pfiffen es schon länger von den Dächern, nun ist es offiziell: Der legendäre Nachtzug „Metropol“ kehrt ab dem 9. Dezember 2018 als Nightjet zwischen Berlin und Wien zurück. Dies gaben die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) gestern auf ihrer Bilanz-Pressekonferenz bekannt. Der bisherige Betreiber, die ungarische MÁV-START, hatte den Metropol im vergangenen Winter eingestellt und so eine klaffende Wunde ins europäische Nachtzug-Netz gerissen.

Wichtigste Neuerung: Der Nightjet Berlin–Wien wird nicht über Dresden und Prag unterwegs sein, sondern nimmt eine neue Route durch Polen mit Halt in Wrocław (Breslau). Damit treten die ÖBB nicht in direkte Konkurrenz mit der tschechischen Bahn, die seit Dezember 2017 ein Rumpfangebot auf den Strecken Prag–Wien und Prag–Budapest betreibt. Ob der „Metropol neu“ auch Kurswagen von und nach Budapest führt, wie polnische Medien berichteten, ist derzeit noch unklar. Die Verhandlungen mit den Partnerbahnen dauerten noch an, heißt es aus ÖBB-Kreisen.

Neu gegen Alt: Der Metropol-Check

Das Comeback des Metropol ist eine tolle Sache für Touristen, Geschäftsleute und Familien. Kein Zweifel: Das Fahrgast-Potential zwischen den größten deutschsprachigen Städten ist riesig. Doch was kann der „Metropol neu“ wirklich? Wir haben es uns genauer angeschaut und lassen den neuen ÖBB-Nightjet im Duell gegen den alten Metropol antreten. Das sind die Kategorien in unserem großen Metropol-Check:

  1. Der Strecken-Faktor
  2. Der Fahrzeiten-Faktor
  3. Der Zwischenhalte-Faktor
  4. Der Komfort-Faktor
  5. Der Romantik-Faktor
  6. Der Kulinarik-Faktor
  7. Der Betreiber-Faktor

1. Der Strecken-Faktor

Nachtzug-Fans staunten nicht schlecht, als erste Details zur Streckführung des neuen ÖBB-Nightjet durchsickerten. Von Berlin nach Wien über Breslau zu fahren – das klingt zunächst wie ein Umweg. Eine genauere Betrachtung zeigt jedoch: Die Strecke über Polen ist mit 796 Kilometern tatsächlich nur sechs Kilometer länger als der traditionelle Weg über Prag.

In puncto Schönheit hat die alte Strecke allerdings eindeutig die Nase vorn: Wenn sich der „Metropol alt“ in der Abenddämmerung in die engen Kurven des Elbtals legte, war das stets ein ganz besonderes Erlebnis. Die Fahrt durch die endlosen Wälder Brandenburgs und Südwest-Polens dagegen lädt eher zum frühen Zubettgehen ein.

Nightjet Metropol Berlin Breslau Wien

Unsere Einschätzung: Nur wenig kürzer, dafür deutlich schöner – bei der Streckenführung sichert sich der „Metropol alt“ den ersten Punkt.

2. Der Fahrzeiten-Faktor

Bei den Fahrzeiten haben sich die Planer der ÖBB am alten Metropol orientiert. Der neue Nightjet wird ebenfalls zwischen elf und zwölf Stunden auf der Schiene sein und so – zumindest auf der Gesamtstrecke – für eine ausgiebige Nachtruhe sorgen.

Fahrplan Berlin–Wien: Der „Metropol neu“ alias Nightjet 457 verlässt Berlin weiterhin am frühen Abend und kommt um kurz vor 7 Uhr morgens am Wiener Hauptbahnhof an. Der neue Laufweg über Breslau führt nur zu einer minimalen Verlängerung der Fahrzeit von 10 Minuten.

Bahnhof EN 40477 „Metropol alt“ NJ 457 „Metropol neu“
Berlin Hbf 19:01 18:45
Wrocław Główny      | 23:00
Praha hl.n. 23:58      |
Wien Hbf 06:55 06:49

Fahrplan Wien–Berlin: In Gegenrichtung fährt Nightjet 456 bereits um 22:10 Uhr statt wie bisher um 22:50 Uhr in Wien los. Insbesondere für Familien mit Kindern dürfte das eine deutliche Verbesserung darstellen. Die relativ späte Ankunft in Berlin bleibt jedoch erhalten, so dass sich die Fahrzeit insgesamt um 48 Minuten verlängert.

Bahnhof EN 40476 „Metropol alt“ NJ 456 „Metropol neu“
Wien Hbf 22:50 22:10
Praha hl.n. 04:06      |
Wrocław Główny      | 05:09
Berlin Hbf 09:07 09:15

Unsere Einschätzung: Die familienfreundlichere Abfahrt in Wien schlägt die etwas längeren Fahrzeiten – Punkt für den „Metropol neu“.

3. Der Zwischenhalte-Faktor

Der neue Nightjet sorgt erstmals wieder für eine tägliche Zugverbindung zwischen Berlin und Wrocław. Zur Zeit verkehrt zwischen beiden Städten lediglich ein IC Bus der Deutschen Bahn, sowie am Wochenende der „Kulturzug“ BerlinBreslau. Mit Zielona Góra und Opole werden außerdem weitere Großstädte angebunden. Damit ergänzt der neue Metropol den polnischen Nachtzug „Chopin“, der bereits Warschau und Krakau über Nacht mit Österreich und Ungarn verbindet.

Der „Metropol alt“ hingegen hatte mit Dresden und Prag zwei touristische Schwergewichte im Köcher. Über Děčín und Ústí nad Labem wurden zudem sinnvolle Verbindungen von und nach Nordböhmen realisiert. Außerdem: Pendler vermissen bis heute durch Streichung des Metropol entfallene Tagesrand-Verbindungen wie Berlin–Dresden und Dresden–Prag.

Unsere Einschätzung: Breslau hat Potential, das Einzugsgebiet an Elbe und Moldau ist jedoch größer – Punkt für den „Metropol alt“.

Dresden Hauptbahnhof

Dresden Hauptbahnhof: Wichtiger Zwischenhalt des „Metropol alt“

4. Der Komfort-Faktor

Schlafwagen aus Tschechien, Liegewagen aus der Slowakei, Sitzwagen aus Polen und Ungarn – der Metropol war ein wahrlich bunter Zug. Durch Waggons und Personal aus verschiedenen Ländern war der Komfort an Bord des „Metropol alt“ uneinheitlich. Während die modernen Schlafwagen der České dráhy dem Nightjet in nichts nachstanden, ging es in den Sitz- und Liegewagen deutlich rustikaler zu.

Laut Ankündigung der ÖBB wird der „Metropol neu“ hingegen allein mit österreichischem Rollmaterial gefahren. Den gewohnten Nightjet-Standard gibt es künftig also auch zwischen Berlin, Breslau und Wien. Zum Service gehören nicht nur der „Welcome Drink“ und Abendsnack im Schlafwagen, sondern auch ein kleines Frühstück im Liegewagen.

Unsere Einschätzung: In Sachen Komfort macht den ÖBB so schnell keiner was vor – Punkt für den „Metropol neu“.

ÖBB Nightjet Bett Schlafwagen Doppelstock

Service wird im ÖBB-Nightjet groß geschrieben

5. Der Romantik-Faktor

Der Nightjet ist ein komfortabler Zug, der geradezu ideal dafür geeignet ist, um ausgeschlafen und entspannt von A nach B zu kommen. Bei all den Vorzügen wirkt die Atmosphäre in den modernen Wagen aber auch immer ein wenig steril. Der gewisse Hauch Abenteuer, der so mache Nachtzugfahrt umweht, will nicht so recht aufkommen.

Der alte Metropol hingegen versprühte allein durch seinen Wagen-Mix und das Personal aus bis zu fünf Ländern ein besonderes Flair. Es wird über so manche Gangparty berichtet, die sich bis weit nach Mitternacht hinzog. Außerdem: Zumindest im slowakischen Liegewagen ließ sich bis zuletzt die Fahrt noch am offenen Fenster genießen.

Unsere Einschätzung: In puncto Bahnromantik schlägt Tradition die Moderne – Punkt für den „Metropol alt“.

Budapest Keleti Einfahrt

Einfahrt in den Bahnhof Budapest Keleti am offenen Fenster

6. Der Kulinarik-Faktor

Besonderer Clou des alten Metropol: Zwischen Berlin und Dresden führte er einen  Speisewagen der polnischen Bahn. Bei einem Teller Żurek und einem Glas Bier ließ sich hier perfekt der Abend einläuten. Dass der Speisewagen ausgerechnet aus Polen kam, obwohl der „Metropol alt“ die polnische Grenze nie überquert hat, ist eine bahntechnische Kuriosität. Aus heutiger Sicht lässt sie einen schmunzeln.

Im Nightjet-Konzept hingegen ist kein Speisewagen vorgesehen, Snacks und Getränke gibt es beim Schlaf- und Liegewagenbetreuer. Vorreiter sind die ÖBB jedoch in Sachen Frühstück: Sowohl das reichhaltige Auswahl-Frühstück im Schlafwagen, als auch das „Wiener Frühstück“ im Liegewagen sind eine deutliche Steigerung gegenüber dem, was bis Dezember 2017 im Metropol serviert wurde.

Unsere Einschätzung: Den fehlenden Speisewagen macht der „Metropol neu“ mit dem Frühstück wieder wett – ein Punkt an beide.

Nachtzug Metropol Bordgastronomie

Nightjet-Frühstück versus Abendbrot im polnischen Speisewagen

7. Der Betreiber-Faktor

Die ungarische Bahn begründete die Einstellung des Metropol zwischen Berlin, Wien und Budapest mit zu hohen Trassengebühren auf deutscher Seite. Dass das der alleinige Grund ist, darf bezweifelt werden. Zum Fahrplanjahr 2018 hat die MÀV-START auch die Saison-Nachtzüge ans Schwarze Meer, sowie fast die gesamte Bordgastronomie eingestampft. Es hat den Eindruck, als möchte sich die Bahn in Ungarn vom personalintensiven Geschäft mit Nachtzug und Speisewagen zurückziehen. Ein Engagement für die Bahnreisekultur sieht anders aus.

Anders in Österreich: Die ÖBB glauben an das Produkt Nachtzug und vermarkten ihren Nightjet mit viel Liebe zum Detail. Das schlägt sich auch in den Zahlen nieder. Bereits im ersten Betriebsjahr konnte sich die Konzernspitze in Wien über einen kleinen Gewinn und mehr als 1,4 Millionen Fahrgäste in den ÖBB-Nachtzügen freuen.

Unsere Einschätzung: Mit ihrem Engagement für den Nachtzug schlagen die ÖBB klar die ungarische Bahn – Punkt für den „Metropol neu“.

ÖBB Nightjet Innsbruck

Im Betreiber-Vergleich liegen die Österreichischen Bundesbahnen klar vorn

Ergebnis und Fazit

Kein klarer Sieger im Metropol-Check: Nach offenem Schlagabtausch endet das Duell zwischen „Metropol neu“ und „Metropol alt“ 4:4 Unentschieden. Der neue Nachtzug zwischen Berlin und Wien überzeugt mit mehr Komfort, leicht verbesserten Fahrzeiten und einem enthusiastischen Betreiber. In Sachen Streckenführung und Bahnromantik jedoch hatte der alte Zug der ungarischen Bahn mehr zu bieten.

Insgesamt gehen die ÖBB mit dem Nightjet Berlin–Wien mit einem vielversprechenden Angebot an den Start. Angesichts der verheerenden Klimawirkung des Flugverkehrs und der chronisch verstopften Straßen ist jeder Nachtzug ein Schritt in die richtige Richtung. Es bleibt nun zu hoffen, dass auch die Verbindung nach Budapest ein Comeback erlebt. Erst das macht den neuen Metropol komplett.


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