Seit die österreichischen ÖBB den „Nightjet“ lanciert haben, scheint der Niedergang des Nachtzugs gestoppt. Doch wie kann das Netz erweitert werden? Alexander hat fünf Ideen.

Der Nachtzug lebt! Dieses Gefühl beschleicht mich immer wieder, wenn ich abends am Hamburger Hauptbahnhof bin. Oft warte ich dann noch die Abfahrt der beiden Nightjets ab, ehe ich mit der U-Bahn nach Hause fahre. Besonders die Zugteile nach Wien und Innsbruck sind auch unter der Woche so gut gefüllt, dass man als Nachtzug-Fan wieder ruhig schlafen kann.

Rückblick: Nachtzüge, einst Rückgrat des internationalen Fernverkehrs, gerieten bei der Deutschen Bahn mehr und mehr ins Abseits. Zu teuer, zu aufwändig und nicht mehr zeitgemäß, hieß es. Jedes Jahr wurden Verbindungen gestrichen, der Service weiter abgebaut. Der Tiefpunkt kam dann im Dezember 2016, als die letzten „CityNightLine“-Züge endgültig aufs Abstellgleis rollten.

Auch wenn dieser Schritt zu erwarten war, für Freunde der gepflegten Reisekultur war es ein Stich ins Herz. Zumal Statistiken der DB bis zum Schluss konstante, ja sogar leicht steigende Fahrgastzahlen belegen.

Die ÖBB übernehmen

Doch dann treten unerwartet die Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) ins Spiel. Kurzerhand übernehmen sie Wagenmaterial und die lukrativsten Strecken der CityNightLine. So fahren die ÖBB heute unter der Marke „Nightjet“ von Hamburg und Düsseldorf nach Wien und Innsbruck, von Hamburg und Berlin nach Zürich, sowie von München nach Venedig, Mailand und Rom. Und das mit Erfolg, wie die Geschäftszahlen aus dem ersten Betriebsjahr belegen.

Der Nightjet ist neben Railjet und Cityjet integraler Bestandteil der Zukunftsplanung bei den ÖBB. Unlängst gaben die Österreicher die Bestellung von 13 neuen Nightjet-Zügen bekannt. Bis Ende 2022 sollen sie im Einsatz sein. Die Schlaf- und Liegewagen der nächsten Generation schaffen zahlreiche Möglichkeiten, das Netz zu erweitern. Schon bald können so noch mehr Menschen komfortabel und effizient durch die Nacht reisen.

ÖBB Nightjet Nachtzug

Der Nightjet ist zum Synonym für Nachtzugreisen in Mitteleuropa geworden (Foto: ÖBB/Harald Eisenberger)

Nachtzug der Zukunft: So könnte das Nightjet-Netz im Jahr 2022 aussehen

Bislang sind jedoch von Seiten der ÖBB kaum konkrete Erweiterungspläne an die Öffentlichkeit gesickert. Darum habe ich mir Gedanken über den Nightjet der Zukunft gemacht. Mein Ergebnis: In nur fünf Schritten ließe sich das heutige Angebot zu einem echten Europanetz auszubauen.

Welche Schritte das sind, verrate ich dir in diesem Artikel. Aber Vorsicht: Bis auf die Wiederbelebung des „Metropol“ ist alles noch reine Fiktion. Sie basiert allerdings auf einer möglichst realitätsnahen Weiterentwicklung des Netzes, ausgehend von den im Jahr 2018 bestehenden Verbindungen.

Schritt 1: Rückkehr des „Metropol“

Realisierung: ab Dezember 2018

Der erste Schritt zur Erweiterung des Nightjet-Netzes wird bereits zum kommenden Fahrplanwechsel im Dezember Realität: Die ÖBB haben angekündigt, Ersatz für den Ende 2017 eingestellten „Metropol“ zu schaffen. Dieser legendäre Nachtzug hatte über viele Jahrzehnte fünf europäische Hauptstädte miteinander verbunden: Berlin, Prag, Bratislava, Wien und Budapest.

Der neue Nightjet 457/456 verkehrt zwischen Berlin und Wien, Budapest wird über Kurswagen angebunden. Ebenfalls am Zug hängen Wagen nach Krakau und Przemyśl im äußersten Osten Polens. Möglich macht das die neue Route des Metropol über Wrocław statt über Prag. Dadurch entsteht seit langer Zeit wieder eine tägliche Verbindung zwischen Berlin und dem ehemaligen Breslau. Auf der anderen Seite bleiben allerdings Dresden und das obere Elbtal von der neuen Nachtverbindung ausgeschlossen.

Nachtzug von Berlin nach Wien, Budapest und Przemysl

Schritt 2: Umweg über Bremen

Mögliche Realsierung: ab 2020

Bremen verfügte bis Dezember 2015 über eine tägliche Nachtzugverbindung aus München. Zuvor waren Verbindungen nach Zürich, Paris und Kopenhagen bereits eingestellt worden. Ohne zusätzliche Wagen könnte der Nightjet praktisch ab sofort die fast drei Millionen Einwohner der Metropolregion Bremen/Oldenburg wieder ans Nachtzugnetz anschließen.

Die Idee: Die beiden Nachtzüge, die heute von Hamburg über Hannover nach Wien und Innsbruck, sowie nach Zürich fahren, machen nach ihrer Abfahrt einen kleinen Umweg über Bremen. So erschließen sie ein wesentlich größeres Fahrgastpotenzial als auf der derzeitigen Strecke über Lüneburg und Uelzen.

Nachtzug von Hamburg nach Wien, Innsbruck und Zürich über Bremen

Schritt 3: Verlängerung nach Amsterdam

Mögliche Realisierung: ab 2021

Bis 2014 hatten die Niederlande Anschluss an ein weit verzweigtes europäisches Nachtzugnetz. So fuhren Nachtzüge mit Schlaf-, Liege- und Sitzwagen nach Kopenhagen, Warschau, Prag, Innsbruck und Zürich. Im Dezember 2016 wurde der letzte verbliebene Nachtzug nach München eingestellt. Abgesehen von Saisonzügen haben die Niederländer nun keine Option mehr, in vertretbarer Fahrzeit in die Alpen oder nach Italien zu kommen.

Kurt Bauer, Leiter des Fernverkehrs der ÖBB, hat zuletzt Hoffnungen genährt, dass Amsterdam bereits 2021 auf die Nachtzug-Karte zurückkehren könnte. Es liegt nahe, dass der jetzt in Düsseldorf startende Nightjet (40)421 mit Zugteilen nach Innsbruck und Wien bereits in der niederländischen Hauptstadt eingesetzt wird und eine etwas spätere Zeitlage erhält.

Darüber hinaus könnten zusätzlich Kurswagen nach Zürich beigestellt werden. Bei einer Abfahrt gegen 19 Uhr in Amsterdam würden die Zürcher Wagen gegen 0:40 Uhr in Frankfurt Süd abgestellt und gegen 4 Uhr vom Zug aus Hamburg und Berlin aufgenommen. So ließen sich mit wenigen zusätzlichen Wagen drei lohnenswerte Direktverbindungen aus Amsterdam herstellen.

Nachtzug von Wien, Innsbruck und Zürich nach Amsterdam

Schritt 4: Kurswagen nach Paris

Mögliche Realisierung: ab 2021

Seit der Einstellung der Nachtzüge nach Paris wurde häufig der Wunsch geäußert, die französische Wirtschafts- und Tourismusmetropole wieder in das mitteleuropäische Nachtzugnetz einzubinden. Bis 2014 war Paris noch direkt mit den drei größten deutschen Städten Berlin, Hamburg und München verbunden.

Ausgehend vom bisherigen Nightjet-Netz können an die bestehenden Züge in Hamburg und Berlin jeweils weitere Kurswagen angehängt werden. In Hannover werden die Züge getrennt und wieder vereint. Ein Zugteil fährt von dort aus über Brüssel nach Paris, ein anderer nach Zürich. So entstehen Reisemöglichkeiten für Politiker, Geschäftsleute und Touristen aus Nord- und Ostdeutschland in die belgische sowie die französische Hauptstadt.

Nachtzug von Hamburg und Berlin nach Paris

Schritt 5: Neue Nachtzüge für Kopenhagen

Mögliche Realisierung: ab 2022

Bis 2014 war auch Kopenhagen über Nacht mit Mitteleuropa verbunden. Unter anderem gab es direkte Kurswagen nach Amsterdam, Basel, Innsbruck und Prag. Die erneute Anbindung Kopenhagens ist entscheidend, um überhaupt konkurrenzfähige Bahnreisen aus Süddeutschland nach Skandinavien und umgekehrt wieder möglich zu machen.

In einem ersten Vorschlag startet ein komplett neuer Zugverband in Kopenhagen gegen 18:45 Uhr und fährt gemeinsam nach Hannover. Dort werden mitten in der Nacht Kurswagen nach Amsterdam, Zürich und Innsbruck abgetrennt. Diese kommen am frühen Vormittag an ihren Zielorten an.

Zugegeben: Für die ÖBB ergeben sich durch die Anbindung Kopenhagens keine Synergieeffekte. Es ist kaum sinnvoll, die Nightjets ab Hamburg bereits in Kopenhagen einzusetzen – die Abfahrtszeit von etwa 15:30 Uhr wäre viel zu früh. Stattdessen sind hier sind die Bahnen Skandinaviens gefragt. Mehr dazu erfährst du in unserem Nachtzug-Konzept für Dänemark und Schweden.

Nachzug von Amsterdam, Innsbruck und Zürich nach Kopenhagen

Fazit: Nur Mut!

Mit einer Handvoll neuer Züge und einer Portion Mut ließe sich in Mitteleuropa wieder ein leistungsfähiges Nachtzugnetz auf die Schiene bringen – und so der Schaden reparieren, den die Deutsche Bahn im Dezember 2016 angerichtet hat. Es bleibt zu hoffen, dass die ÖBB an ihrem eingeschlagenen Kurs festhalten und weiter in die Zukunft der Nachtzüge investieren.

P.S.: Ich habe auch einen Fahrplan für die oben genannten Verbindungen erstellt, den du hier herunterladen kannst. Alle Angaben sind natürlich rein hypothetisch und als Denkanstoß zu verstehen!


Was hältst du vom Nightjet der Zukunft? Hinterlasse einen Kommentar oder diskutiere mit auf der Nachtzug-Konferenz in Wien vom 12. bis 14. Oktober 2018!