Am Boden bleiben und den Nachtzug nehmen – das ist das Motto von 40 Aktivisten, die im Oktober 2018 zur Nachtzug-Konferenz nach Wien kamen. Ein Bericht.

Wenn es bei der Verkehrswende hakt, muss man die Sache eben selbst in die Hand nehmen. Das sagten sich etwa 40 Mitglieder der Initiativen „Back on Track“ und „Stay Grounded“, die sich zu einem gemeinsamen Treffen in Wien versammelten. Ihre Vorstellung von der Mobilität der Zukunft ist klar: Weniger Flugverkehr, dafür mehr Nachtzüge. Wie das in Sachen Nachtzug klappen soll, welche Probleme es gibt und wessen Auftritt am meisten beeindruckt hat – alle Antworten findest du hier.

Was ist Back on Track?

Back on Track ist ein europäisches Netzwerk von Nachtzug-Aktivisten. Die Strukturen sind locker, jeder kann mitmachen und seine Ideen einbringen. Kern sind monatliche Telefonkonferenzen sowie Aktionswochen, die ein- bis zweimal im Jahr an verschiedenen Orten in Europa stattfinden.

Im Januar 2018 veranstaltete Back on Track die erste Nachtzug-Konferenz im Europaparlament in Brüssel. Das Event war ein großer Erfolg, nicht zuletzt durch die Anwesenheit des Fernverkehrschefs der Österreichischen Bundesbahnen, Kurt Bauer, sowie einiger hochrangiger Europa-Politiker. Neun Monate später, vom 12. bis 14. Oktober 2018, fand nun in Wien das nächste Treffen von Back on Track zum Thema Nachtzüge statt.

Treffen der Initiative Back on Track im Wiener WUK

Hier wurde über Nachtzüge diskutiert: Das Werkstätten- und Kulturhaus WUK in Wien

Was war diesmal anders?

Zunächst der Rahmen. War es in Brüssel noch ein straff organisierter Vormittag, stand in Wien nun ein ganzes Wochenende zur Verfügung. Außerdem war Back on Track diesmal nicht allein: Die Veranstaltung wurde gemeinsam mit der jungen Initiative Stay Grounded ausgerichtet, die sich gegen einen weiteren Ausbau des weltweiten Flugverkehrs engagiert.

Stay Grounded und Back on Track, das heißt: Feuer, Kreativität und ein klarer Gegner (Flugverkehr) treffen auf Jahrzehnte Lobby-Erfahrung und eine klare Alternative (Nachtzüge). Was läge da näher, als die Kräfte zu bündeln und eine Kooperation zu starten. In der Praxis wird jedoch schnell klar, dass sich beide Gruppen noch an die Arbeitsweise der jeweils anderen gewöhnen müssen. Während man bei Back on Track noch mit der Technik kämpft, wird bei Stay Grounded schon live in die Welt gestreamt.

Gemeinsames Treffen von Back on Track und Stay Grounded im Oktober 2018 in Wien

„Back on Track“ und „Stay Grounded“ sitzen an einem Tisch (Foto: Poul Kattler)

Welche Schwerpunkte gab es?

Nach einer ersten Schnupper-Runde widmen sich beide Initiativen ihren jeweiligen Fachthemen. Bei Back on Track heißt das: Wie kann das aktuelle Nachtzug-Netz in Europa stabilisiert und in Zukunft ausgebaut werden?

Lobbyarbeit: Back on Track versteht sich zuerst als Lobbyorganisation. So wird viel darüber diskutiert, wie man den Nachtzug auf die Agenda der EU-Politik bekommt. „Setzt nicht zu viel Hoffnung auf Brüssel!“, mahnt Lars Igeland aus Schweden, selbst Mitarbeiter am europäischen Parlament. Das Problem: Am Ende der Legislaturperiode (im Mai 2019 sind Europawahlen) werden kaum noch Initiativen ins Parlament gebracht. Wirkungsvoller sei es, nun an die Parteien heranzutreten, die derzeit ihre Programme für die kommende Wahlperiode ausarbeiten.

Nachtzug der Zukunft: Wie kann der Nachtzug der Zukunft aussehen? Der Schweizer David Loher hat eine klare Vorstellung. Er präsentiert Pläne, wie er Bern über Nacht mit den Hauptstädten Europas verbinden will. Selbst ein Zug nach Astana, Kasachstan, fehlt nicht. Zugegeben: Das klingt phantastisch. Wie Loher es jedoch realisieren will, verrät er nicht. Deutlich näher an der Verwirklichung ist das Projekt LunaJet, das der Katalane Pau Noy vorstellt. Die Idee: Ein Nachtzug von Frankfurt nach Barcelona, der nicht nur Passagiere ans Mittelmeer brimgt, sondern auch Express-Fracht. „Durch den Warentransport gibt es eine Grundlast auch in schwachen Reisezeiten“, erklärt Noy.

Pau Noy LunaJet Nachtzug von Frankfurt nach Barcelona

Pau Noy stellt den „LunaJet“ von Frankfurt nach Barcelona vor (Foto: Poul Kattler)

Osteuropa: Der Sonntagnachmittag steht ganz im Zeichen des östlichen Mitteleuropas. Noch gibt es zwar viele Nachtzüge, doch das Sterben der Verbindungen hat auch hier längst begonnen. Über die Schwierigkeiten, neue Züge zu etablieren, berichtet Iwona Budych von der deutsch-polnischen Initiative KolejDEPL. „Aus Polen bekommen wir jedoch kaum Unterstützung“, beklagt Budych. Ähnliche Probleme kennt auch Miroslav Vyka, der über die Situation in Tschechien und der Slowakei spricht. Mangelnde Abstimmung mit der ungarischen Bahn hätte zum Beispiel dazu geführt, dass der beliebte Sommer-Nachtzug von Prag nach Split im Jahr 2017 eingestellt wurde.

Wer machte die markigsten Sprüche?

Einmal mehr: Kurt Bauer. Schon in Brüssel hatten die klaren Aussagen des ÖBB-Fernverkehrschefs zum Nachtzug für Aufsehen gesorgt. Beim Heimspiel in Wien ist er umso mehr darauf bedacht, den ein oder anderen Punkt zu setzen. Seine Kernthese: Der Nachtzug ist ein hartes Geschäft. Eines, in dem sich kaum Gewinne erzielen ließen. Keine Eisenbahn sei darum bereit, ausgerechnet hier unternehmerisches Risiko einzugehen. Oder wie Bauer es formuliert: „Wer investiert schon in ein gescheitertes Business?“

Niemand – außer den ÖBB natürlich. Es ist die Geschichte der kleinen Staatsbahn gegen den Rest der Welt, die Bauer am liebsten erzählt. Und sie stimmt ja auch: Erst kürzlich gaben die Österreicher den Auftrag für 13 neue Nightjet-Garnituren mit zeitgemäßer Austattung. Ab 2021 sollen sie im Einsatz sein.

Kurt Bauer von den ÖBB beim Treffen von Back on Track in Wien im Oktober 2018

Auch nach seinem Vortrag gefragt: ÖBB-Fernverkehrschef Kurt Bauer (Foto: Poul Kattler)

„Die brauchen wir dringend für den Italien-Verkehr“, erklärt Bauer. Grund sind neue Brandschutz-Verordnungen, die neues Wagenmaterial auf den Strecken nach Rom, Venedig und Mailand erfordern. Und was passiert mit den freiwerdenden Schlaf- und Liegewagen? „Damit schaffen wir mehr Kapazitäten auf beliebten Verbindungen wie Hamburg–Zürich. Und wenn dann noch Wagen übrig sind, können wir über ein bis zwei neue Routen nachdenken“, weckt Bauer leise Hoffnungen. (Mehr dazu: Wie der Nightjet in 5 Schritten zum echten Europanetz ausgebaut werden kann.)

Wo liegen die Probleme?

Alles gut also dank Heilsbringer ÖBB? Ganz so einfach ist es nicht. „Eine Verbindung wie München–Amsterdam hat riesiges Potential, ist für uns aber nicht realisierbar“, würgt Bauer die Phantasien von so manchem im Saal ab. Stattdessen sind andere gefragt. Neue oder etablierte Anbieter stoßen jedoch an allen Ecken und Enden auf Hemmnisse.

Politische Hürden: In Ländern wie Deutschland ist der Schienenverkehr klar gegenüber dem Flugverkehr benachteiligt. Während die Bahn mit einem ganzen Satz an Abgaben belastet wird (Mehrwertsteuer, Stromsteuer, EEG-Umlage), ist für Airline-Betreiber nicht einmal eine Steuer auf Kerosin fällig. Und das, obwohl Emissionen in großer Höhe als besonders klimaschädlich gelten. „Die subventionierte Umweltsau“, titelte die ZEIT im Juni 2014. Passiert ist seitdem: nichts. Eines der größten politischen Anliegen von Back on Track ist daher die Schaffung eines Level Playing Fields, fairen Bedingungen also im Wettbewerb zwischen Flugzeug und Zug.

Flickwerk Europa: Für die großen Bahnkonzerne wie DB oder SNCF bedeutet Fortschritt vor allem eins: Hochgeschwindigkeit. Milliarden werden verpulvert für Fahrzeitgewinne im Minutenbereich. Was darunter leidet, ist das über Jahrzehnte gewachsene Kernnetz. „Was wir brauchen ist kein Flickenteppich an Rennstrecken, sondern ein integriertes Europanetz“, sagt Joachim Holstein, ehemaliger Nachtzugbegleiter und Betreiber der Webseite „Nachtzug bleibt“.

Joachim Holstein spricht auf dem Treffen von Back on Track in Wien im Oktober 2018

Joachim Holstein: „Der Nachtzug braucht ein integriertes Streckennetz in Europa.“ (Foto: Poul Kattler)

Problem Ticketkauf: Vor 50 Jahren war es kein Problem, eine Fahrkarte von Stockholm nach Rom zu kaufen. Heute, im Zeitalter der Globalisierung, ist das zur Herkules-Aufgabe geworden. Die Buchungssysteme der Eisenbahnen sind für Binnen-Fahrkarten gemacht, der Kauf von internationalen Tickets oftmals nicht vorgesehen. Weil Nachtzüge fast immer grenzüberschreitend verkehren, werden sie so systematisch diskriminiert. Mit dem Ende der Ticketkooperation von Deutscher Bahn und ÖBB hat sich die Situation noch einmal verschärft. Wer seinen Anschluss verpasst, muss sich nun nicht nur um ein Hotelzimmer kümmern, sondern bleibt oft auch noch auf den Kosten sitzen.

Gibt es trotzdem Hoffnung?

Ganz eindeutig: Ja. Allein die Tatsache, dass Menschen aus allen Ecken Europas nach Wien strömen, um ein Wochenende lang über Nachtzüge zu diskutieren, beeindruckt. Darüber hinaus gab es zuletzt einige positive Nachrichten. Für die meisten freudigen Gesichter im Saal sorgt ohne Frage das Comeback des Nachtzugs „Metropol“ im Dezember 2018. Nach nur einem Jahr Pause geht es dann wieder bequem im Schlaf von Berlin nach Wien und Budapest, sowie neu auch nach Krakau und Przemyśl im äußersten Osten von Polen (unsere Analyse zur Rückkehr des Metropol findest du hier).

Gute Nachrichten auch aus Frankreich: Nach Jahren des Siechtums sicherte die französische Regierung unlängst 30 Millionen Euro für die Modernisierung der Nachtzüge zu. Nicht zuletzt den Ausschlag gab eine Fahrt der Verkehrsministerin Élisabeth Borne im Nachtzug nach Briançon. Die Ministerin war durchweg begeistert – nur der Zustand der Toiletten missfiel, wie Nicolas Forien und seine Kollegen der Initiative „Oui au train de nuit“ berichten.

Nicolas Forien von der Initative Oui au train de nuit auf dem Treffen von Back on Track in Wien im Oktober 2018

Nicolas Forien hat gute Nachrichten aus Frankreich im Gepäck (Foto: Poul Kattler)

Spitzenreiter, was den Ausbau des internationalen Nachtzug-Verkehrs angeht, ist derzeit ganz klar die Ukraine. Seit dem Fall der Visa-Beschränkungen für ukrainische Staatsbürger erlebt die Zugreise nach Westen einen regelrechten Boom. Auf der Relation Kiew–Lviv–Wien wird es daher ab Dezember 2018 mehr Schlafwagen geben. Ebenfalls im Gespräch ist die Wiedereinführung des Nachtzugs zwischen Kiew und Berlin.

Was wurde beschlossen?

Keine Konferenz ohne Beschlüsse. Um auch in in Zukunft schlagfertig für den Nachtzug in Europa kämpfen zu können, setzt sich Back on Track folgende Punkte auf die Agenda für die kommenden Monate:

  • Sanfte Straffung der Organisation von Back on Track und Ausbau der Aktivitäten in sozialen Netzwerken, insbesondere Twitter.
  • Anfang 2019 soll wieder eine Nachtzug-Konferenz in Brüssel stattfinden. Zuvor soll allen im EU-Parlament vertretenen Parteien ein Fragenkatalog zugehen, wie ihr Standpunkt zum Thema Nachtzug ist.
  • Die ersten Ankunft des neuen Nachtzugs Metropol soll in Berlin und Wien mit einer „Welcome back“-Party gefeiert werden.
Back on Track Ideen Treffen Wien

Viele Ideen, wie Back on Track sich künftig für den Nachtzug einsetzen will

Zur Abschlussrunde kommen Back on Track und Stay Grounded wieder zusammen. Wichtigstes Ergebnis: Auch zukünftig soll es gemeinsame Treffen und Aktionen geben. Back on Track unterstützt außerdem das Stay-Grounded-Positionspapier „13 Schritte für ein klimagerechtes Transportwesen“. Bei einer Fotoaktion geben sich dann Jung und Alt wortwörtlich die Hand. Denn in einer Sache sind sich alle einig: Für das große Ziel – Züge statt Flüge! – braucht es gebündelte Kraft.

Wie kann ich mitmachen?

Wenn auch du dich für Nachtzüge engagieren möchtest, kannst du hier kostenlos Mitglied von Back on Track werden. Back on Track betreibt außerdem eine Mailingliste, in der regelmäßig Neuigkeiten rund um den Nachtzug ausgetauscht werden. Über deine Unterstützung freuen sich auch einige aktuelle Petitionen, zum Beispiel für mehr Nachtzüge nach Nordeuropa oder die Rückkehr des „Trenhotel Alhambra“ von Barcelona nach Granada.

Aber das Wichtigste ist: Fahr mit dem Nachtzug. Genieße es. Und erzähle deinen Freunden davon. Hier auf Train Tracks findest du eine Reihe von Anregungen für deine Nachtzugreise durch Europa.