In 32 Stunden von Villach nach Edirne, einmal quer über den Balkan. Das ist der Autozug Optima Express. Ob sich die Mammut-Fahrt lohnt, hat David getestet.

Klar, wer von Wien nach Istanbul fliegt, ist kaum mehr als zwei Stunden unterwegs. Als es mich im Frühjahr mit einem guten Freund an den Bosporus zog, hatte ich jedoch anderes im Sinn. Ich suchte nach einer Alternative auf dem Landweg. Und ja, auch nach einem kleinen Abenteuer. Fündig wurde ich beim „Optima Express“, einem privat betriebenen Autoreisezug, der Österreich ohne Umstieg mit der Türkei verbindet.

Für die gut 1.400 Kilometer lange Strecke braucht der Optima Express zwei Nächte und einen vollen Tag. Nicht gerade rekordverdächtig. Dafür durchquert der Optima Express auf seiner Fahrt von Villach nach Edirne mit Slowenien, Kroatien, Serbien und Bulgarien nicht nur vier Länder, sondern auch teilweise atemberaubende Landschaften.

Optima Express Autoreisezug Strecke Villach Edirne
Von Villach nach Edirne: Die Strecke des Optima Express

Abfahrt von Terminal 2

Aber der Reihe nach. Für uns beginnt die Reise im Railjet, der sich von Wien aus durch die bezaubernden Alpen schlängelt. Während die Steiermark und Kärnten an uns vorbeiziehen, stimmen wir uns im Bordrestaurant bei Schnitzel und Weißbier auf das kommende Abenteuer ein. Am Hauptbahnhof in Villach angekommen erledigen wir schnell noch ein paar Einkäufe, dann machen wir uns zu Fuß auf die etwa zwei Kilometer zum „Terminal 2“.

Nein, das ist kein Teil des Flughafens, sondern die Verladestelle für Autos und Motorräder. Der Optima Express steht dort schon zur Beladung bereit, spätestens zwei Stunden vor Abfahrt sollen sich auch die Fahrgäste eingefunden haben. Am Check-in erhalten wir die Tickets. Vorab haben wir zwei Plätze im Liegewagen reserviert, Schlafwagen gibt es keine. Danach beobachten wir, wie die Fahrzeuge aus Deutschland, den Niederlanden, Großbritannien und Österreich auf die Transportwagen rollen.

Die vielen Reisenden, großteils mit türkischen Wurzeln, sind bestens für die lange Fahrt vorbereitet. Neben Gepäck landet so auch reichlich selbst zubereiteter Proviant im Zug. Während wir das geschäftige Treiben beobachten, eilt die Dame vom Check-in noch einmal mit neuen Tickets zu uns. Sie hat ein anderes Abteil mit einem jüngeren Herren für uns gefunden. Das wird sicher besser passen.

Optima Express Villach Edirne Verladung
Der Optima Express verbindet Österreich nonstop mit der Türkei
Der Optima Express wird in Villach beladen
Los geht es an der Autoverladung in Villach

Willkommen im Optima Express

Um halb zehn sind die Rangierarbeiten beendet und unser Zug aus drei Liegewagen, einem Speisewagen und sechs geschlossenen Autoreisezugwagen setzt sich in Bewegung. Vor uns liegen 32 Stunden Fahrt, fünf Grenzübertritte und ungezählte Lokwechsel. Es fühlt sich an wie der Eintritt in eine andere Zeit des Eisenbahnreisens.

Wir sitzen auf unseren Betten und machen und mit der Umgebung vertraut. Gardinen, Holzoptik und natürlich „Fenster auf“ – es dauert nicht lange, und das Nostalgie-Fieber hat uns vollends erfasst. Trotz des fortgeschrittenen Alters und der einen oder anderen Schramme: die Liegewagen aus DDR-Produktion (Waggonbau Bautzen) sind durchweg in gutem Zustand.

Die Toiletten an beiden Wagenenden sind für Frauen und Männer zugeteilt. Alle paar Stunden werden sie grob gereinigt. Und auch sonst haben die Stewards ein Auge auf ihren Wagen, so dass trotz der langen Reise nie der Eindruck von Unsauberkeit entsteht. Viel Zeit werden ohnehin nicht in unserem Abteil verbringen, das Treiben im Speisewagen ist viel interessanter!

Liegewagen Gang im Optima Express
Optima Express: Gruß aus einer anderen Zeit des Eisenbahnreisens
Optima Express Abteil Liegewagen Tagstellung
Blick in das Abteil im Liegewagen, hier in „Tagstellung“
Bei 32 Stunden Fahrt bleibt viel Zeit für einen Kaffee am offenen Fenster

Speisewagen-Romantik

Dass ein Nachtzug einen Speisewagen führt, ist schon lange nicht mehr selbstverständlich. Beim Optima Express sieht man das zum Glück anders: Inmitten der Liegewagen befindet sich ein herrlich aus der Zeit gefallenes Zugrestaurant, kurioserweise von der slowenischen Eisenbahn. Hier wird von einer kleinen, aber abwechslungsreichen Karte serviert. Als Hauptspeise gibt es hervorragend gegrilltes Fleisch mit Reis und frischem Gemüse, zum Frühstück Brot, Käse, frische Tomaten und Gurken, sowie Butter und Marmelade.

Neben dem Restaurant gibt es auch einen Bar-Bereich, der wie in alten Zeiten zum Rauchen verwendet wird (gut, dass die Fenster hier die ganze Fahrt hindurch offen sein konnten; es wäre sonst unerträglich gewesen), aber auch ganz modern mit Steckdosen und WLAN ausgestattet ist. Die überwältigend angenehme Atmosphäre veranlasst uns einen Großteil der Reise hier zu verbringen. Zum Kartenspielen, zum Lesen, zum Aus-dem-Fenster-Gucken. Oder einfach nur zum Staunen.

Speisewagen im Optima Express
Unser Highlight im Optima Express: Der Speisewagen mit Barbereich
Essen Speisewagen Optima Express
Das Essen im Speisewagen sieht nicht nur gut aus, es schmeckt auch vorzüglich

Fenster auf im Nišava-Tal

Die erste Nacht endet früh, um 6 Uhr erreichen wir die kroatisch-serbische Grenze. Es folgt ein ganzer Tag Zugfahren durch Serbien. Weil hier schon lange nicht mehr in die Infrastruktur investiert wurde (dem Nachtzug Budapest-Belgrad ging es unlängst an den Kragen), schleppen wir uns manches Mal mit nahezu Schrittgeschwindigkeit über die Gleise. Das schöne Wetter, die Landschaft und das Essen im Speisewagen machen die Reise trotzdem zu einem kurzweiligen Erlebnis.

Am Nachmittag erreichen wir Niš. Wie an allen Stopps entlang der Route ist auch in der drittgrößten Stadt Serbiens kein Fahrgastwechsel vorgesehen. Stattdessen wird einmal mehr die Lok getauscht, von Elektro auf Diesel, denn es folgt das landschaftliche Highlight der ganzen Fahrt: die nicht-elektrifizierte, eingleisige Bahnlinie durch das enge Nišava-Tal. Bis zur bulgarischen Grenze schlängeln wir uns an dem Fluss entlang.

Bei offenem Fenster durch diese beeindruckende Landschaft gezogen zu werden gehört zu den unvergesslichen Momenten der Reise. Vor uns wummert die Dinara 666-001, die schon Titos „Blauen Zug“ durch Jugoslawien zog, neben uns schießen die Hänge steil in den Himmel. Dazu das Rauschen der Nišava und die grüne Vegetation – wer will da noch ins Flugzeug steigen? Gegen 20 Uhr haben wir die Grenze zu Bulgarien erreicht. Noch einmal wird kontrolliert, zwei Stunden später sind wir in Sofia.

Optima Express Niš Dinara 666
Ab Niš zieht uns die Dinara 666 durch die Landschaft
Optima Express Landschaft Serbien Bulgarien Nisava
Zwischen Serbien und Bulgarien stürzt sich die Nišava durch enge Schluchten

Guten Morgen Türkei

Auch die zweite Nacht ist kurz. Wir erreichen Svilengrad, die bulgarische Grenzstadt zur Türkei, und dann, um kaum 4 Uhr morgens, Kapıkule auf türkischer Seite. Türkei – wir haben es geschafft! Trotz der frühen Stunde müssen alle Fahrgäste den Zug verlassen, den ersehnten Einreisestempel gibt es nur im Zollhäuschen neben dem Bahnhof. Eine halbe Stunde später sind wir in Edirne, der westlichsten Stadt der Türkei. Wir erreichen unseren Ziel- und Endbahnhof mit knapp 15 Minuten Verspätung, es ist 5:45 Uhr.

Am Bahnhof ein großes Hallo. Passagiere strömen aus dem Zug, die Autoreisezugwagen werden an die Verladestelle rangiert, und schon bald rollen die ersten Reifen auf türkischem Asphalt. Für uns geht es weiter mit dem einzigen Zug des Tages von Edirne nach Istanbul. Noch fünf Stunden, dann glitzert zum ersten Mal der Bosporus vor unseren Augen. Es ist Mittag, als wir Istanbul Halkalı erreichen.

Eins lassen wir uns nicht nehmen: Mit der neu eröffneten Marmaray-Bahn, die in einem Tunnel den Bosporus unterquert, fahren wir zum Bahnhof Sirkeci. Dort, wo einst der legendäre Orient-Express seine Fahrgäste entließ, sind auch wir endlich: angekommen. 48 Stunden nach unserer Abfahrt in Wien tauchen wir ein in den Trubel einer atemlosen Stadt.

Bahnhof Edirne Türkei
Der Optima Express erreicht sein Ziel Edirne im Morgengrauen

Optima Express: Mein Fazit

Der Optima Express fährt für ein spezielles, aber treues Publikum. Für Einzelreisende gibt es gewiss günstigere Möglichkeiten, die Stecke mit der Bahn zu bewältigen; durch die Nonstop-Fahrt lässt man außerdem schöne Orte wie Ljubljana, Zagreb, Belgrad oder Plovdiv links liegen. Und dennoch: Ich kann den Optima Express nur empfehlen! Besonders für jene, die verhältnismäßig schnell und mit einer guten Portion Eisenbahnromantik in die Türkei reisen möchten.

Infos kompakt

  • Der Optima Express fährt saisonal (16. April bis 13. November 2019) ein- bis zweimal in der Woche die Strecke Villach–Edirne.
  • Gebucht werden können ein bis sechs Plätze im Liegewagen. Ein Einzelplatz im 6er-Abteil kostet 149 Euro, bei 4er-Belegung sind es 188 Euro (siehe Preistabelle).
  • Der Transport eines Motorrads oder Autos macht 2019 gestaffelt nach Größe zwischen 197 und 419 Euro aus. Rabatt bei frühzeitiger Buchung im Januar und Februar.
  • Tickets gibt es auf der Website des Betreibers Optima Tours. Eisenbahnpässe wie Interrail, City Star oder Balkan Flexipass sind nicht gültig.