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Nachtzug Zugreisen

Nachtzug Budapest–Belgrad: Ein Stück Balkan auf Schienen

Um den Nachtzug von Budapest nach Belgrad ranken sich viele Schauergeschichten. Alles halb so wild, sagt unser Autor – und macht es sich im serbischen Liegewagen bequem.

Als Teil eines größeren Balkan-Abenteuers möchte ich heute über die Fahrt im Nachtzug von Budapest nach Belgrad berichten. Dieser braucht für die knapp 400 Kilometer rund 8 Stunden. Damit dürfte die Verbindung zu den langsamsten zwischen zwei europäischen Hauptstädten gehören. Geschuldet ist dieser Umstand dem maroden Schienennetz vorwiegend in Serbien. Es gibt Pläne für eine Neubaustrecke, hauptsächlich für den Güterverkehr, aber auf dem Balkan geht eben alles etwas langsamer.

Im Jahre 2016 führte der Nachtzug noch russische Schlafwagen modernster Bauart auf dem Weg von Moskau ans Mittelmeer. Ich war lange hin- und hergerissen, ob ich den maroden serbischen Liegewagen oder den modernen russischen Schlafwagen nehmen soll. Immerhin gelang mir eine Probereservierung für den russischen Kurswagen im Nürnberger Reisezentrum. Aber echtes Eisenbahnfeeling – das kommt nunmal eher im alten Liegewagen auf.

Budapest Keleti Bahnhof Empfangsgebäude
Budapest Keleti pályaudvar, Tor zum Balkan

Nachtzug mit schlechtem Ruf

Im Internet existieren Berichte – sogar einer Tageszeitung aus der Schweiz – über ungarische Diebesbanden in besagter Zugverbindung. Dass man am besten das Abteil von innen mit allen möglichen mitgebrachten Utensilen verriegeln soll, heißt es. Nach etwas mehr Recherche kam ich zu dem Ergebnis, dass diese Berichte aus der Zeit vor 2013 stammen. Damals gab es noch einen österreichischen Kurswagen, die Aufsicht im Zug führten ungarische Schaffner – und die sahen wohl nicht so genau hin.

Nachdem der Zug dann aber eine Zeit lang von Polizei begleitet wurde und jetzt von der serbischen Bahn geführt wird, hat sich die Lage beruhigt. Außerdem: Der Nachtzug wird mittlerweile hauptsächlich von Backpackern benutzt, bei denen es außer ein Smartphone nicht viel zu holen gibt. Ein positiver Reisebericht in einem Eisenbahnforum hat mich dann schließlich überzeugt.

Die Fahrkarte kaufe ich am Vorabend in Budapest Keleti am internationalen Fahrkartenschalter. Die Karte kostet 15 Euro – ja, der Festpreis ist in Euro, der Forint-Preis wird daraus berechnet – die Reservierung dann 8 Euro. Gedruckt auf Thermopapier und bezahlt mit Kreditkarte sah das Ergebnis dann so aus:

Reservierung Fahrkarte Liegewagen Budapest Belgrad
Fahrkarte und Reservierung für den Nachtzug von Budapest nach Belgrad

Dass hier Texte auf Deutsch aufgedruckt sind, ist übrigens kein Zufall. „Eisenbahnsprache“ ist Deutsch und nicht Englisch – so ähnlich wie die Sprache des Weltpostvereins Französisch ist. Es gibt sogar Fahrkarten aus Kasachstan mit deutschem Zweittext.

Balkan pur im serbischen Liegewagen

Etwas aufgeregt bin ich dennoch. An dem Abend schüttet es aus Kübeln. Der Zug wird pünktlich zur Abfahrt bereitgestellt. Spätestens seit der Flüchtlingskrise hat man den Namen Budapest Keleti schonmal gehört. Der Ostbahnhof, dessen Züge aber nicht unbedingt nach Osten führen. Hier starten und enden vor allem internationale Verbindungen, so nach Wien, München, Zürich – und eben auch nach Serbien.

Von außen sieht „mein“ Waggon so aus:

Liegewagen Serbien Budapest Keleti
Serbischer Liegewagen im Nachtzug Budapest–Belgrad

Ich denke ich habe nicht zuviel versprochen, oder? Als ich einsteige, prüft ein etwas missmutig gelaunter serbischer Schaffner mein Ticket, hat aber nichts zu beanstanden. Ich beziehe mein Abteil. Reserviert habe ich die Liege unten, die ist aber kaputt. Es ist nicht damit zu rechnen, dass der Zug voll wird, also entscheide ich mich für die Mitte.

Leider funktioniert das Licht nicht, was aber – wie sich später herausstellt – einfach daran liegt, dass der Strom noch nicht angeschlossen wurde. Desaströs ist eigentlich nur der Zustand der Toilette. Die im benachbarten (moderneren) Sitzwagen ist aber in Ordnung, insofern kann man ja auf den ausweichen.

Liegewagen Serbien Gang Abteil
Eisenbahnfeeling statt Luxus im serbischen Liegewagen

Der Zug wird langsam voller. Im Nachbarabteil eine Gruppe von Interrailern aus der Schweiz. In meinem Abteil kommen noch zwei Leute dazu, eine junge Frau aus Südamerika und ein junger Mann, ebenfalls Tourist. Man sieht aber auch Einheimische mit viel Gepäck, wo vermutlich der Hauptzweck der Reise der Transport desselben ist.

Irgendwann geht dann auch das Licht und der Zug fährt ab. Sämtliche Horrorgespinste sind aus meinem Kopf verschwunden, ich mache mir keine Gedanken mehr – weder um meine Sicherheit, noch um die des Gepäcks. Bei strömendem Regen und Dunkelheit rattert der Zug in Richtung Süden.

Störung mitten in der Nacht

Kurz nach Mitternacht werde ich geweckt. Nicht von Dieben, sondern von der ungarischen Grenzpolizei. Während der Grenzbeamte meinen Personalausweis nur flüchtig anschaut, scannt er die Pässe meiner Mitreisenden mit einem Gerät ein. Wir sind an der Außengrenze von „Wohlstandseuropa“ gelandet. Das gleiche Spiel wiederholt sich rund eine Stunde später bei der Einreise in Serbien. Ein Nachtzug mit Grenzkontrollen ist irgendwie nicht der Sinn der Sache. Trotzdem ist es das Abenteuer wert.

Weiter geht es dann in der Dunkelheit bis Belgrad. Einzig mein Smartphone verrät mir, wo wir uns befinden. Relativ früh kommt der Zug mit geringer Verspätung am alten Hauptbahnhof Belgrad (Beograd-Glavna) an. Geht es nach den Plänen der Serben, wird dieser in wenigen Jahren dem Erdboden gleich gemacht – ein neuer Hochhauskomplex soll entstehen. Stattdessen fahren die Züge dann nach Belgrad Zentrum (Beograd Centar), einem Durchgangsbahnhof etwas außerhalb, der irgendwann per U-Bahn angebunden werden soll.

Belgrad Hauptbahnhof Empfangsgebäude
Belgrad Hauptbahnhof: Das Empfangsgebäude erinnert an vermutlich bessere Zeiten
Bahnsteig am Hauptbahnhof von Belgrad
Die Zugzielanzeiger funktionieren schon lange nicht mehr

Der erste Eindruck täuscht

Aktuell fahren vom Hauptbahnhof noch einige wenige internationale Züge (neben Budapest heißen die Ziele Montenegro, Sofia und Zürich) sowie Regionalzüge. Vermutlich kein Vergleich zu dem, was in den 1980ern hier losgewesen ist – vor den Jugoslawienkriegen und vor der Zeit der Billigflieger.

Der erste Eindruck der Stadt ist vernichtend. Das liegt aber daran, dass die Gegend um den Bahnhof tatsächlich nicht schön ist, es immer noch nieselt und dunkel ist. In den folgenden zwei Tagen verdreht sich das komplett. Belgrad ist architektonisch sicherlich kein Vergleich zu Budapest, aber dennoch sehr interessant – auch, weil der Massentourismus die Stadt noch nicht entdeckt hat.

Innenstadt Belgrad
Fußgängerzone in der Belgrader Innenstadt
Belgrad Donau Save
Zusammenfluss von Donau und Save

Mein Fazit

Der Nachtzug Budapest–Belgrad mit seinem klapprigen Liegewagen ist ein echtes Stück Balkan auf Schienen. Jedem, der Lust auf Abenteuer hat, kann ich die Mitfahrt nur empfehlen – solange der Zug noch existiert. Die russischen Kurswagen sind aktuell ohnehin Geschichte.

Übrigens: Auch von Belgrad ging es für mich mit dem Nachtzug weiter, und zwar auf der spektakulären Bahnstecke Belgrad–Bar nach Montenegro.

Infos

Der Nachtzug Budapest–Belgrad fährt als G/B 341 „Beograd“ auch im Fahrplanjahr 2018. Abfahrt in Budapest-Keleti um 22:15 Uhr, Ankunft in Belgrad um 6:32 Uhr. Der Gegenzug B/G 340 verlässt Belgrad um 21:50 Uhr und erreicht Budapest um 5:50 Uhr. Fahrkarten und Reservierungen gibt es im personenbedienten Verkauf.

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Von Bernhard

Liebt die langsame Art des Reisens durch Europa und hat in den letzten Jahren die Nachtzüge für sich entdeckt. Ansonsten entwickelt er Software, vorwiegend für Linux.

11 Antworten auf „Nachtzug Budapest–Belgrad: Ein Stück Balkan auf Schienen“

Hört sich interessant an – und kann vielleicht unser Problem des Fahrradtransports lösen: ob das wohl funktionieren wird mit 2 Personen und 2 Reiserädern von Budapest nach Belgrad im August 2019? Wir reisen auch nach Budapest mit dem Nachtzug an 🙂 aber dann fahren mit eigener Kraft durch Bosnien-Herzogowina und Slowenien weiter. Danke für einen kurzen Hinweis!

Hallo Burkhard,

ich weiß leider nicht, ob Fahrradtransport in dem Nachtzug nach Belgrad offiziell gestattet ist. Wenn es sich um faltbare Räder handelt, dürfte es kein Problem sein. Außerdem kann man auf dem Balkan vieles für ein Trinkgeld regeln.

Allerdings gibt es ein anderes Problem: Ab dem Frühjahr stehen Bauarbeiten auf der Strecke an. Zur Zeit weiß niemand genau, was das für den Nachtzug bedeutet. Hier empfehle ich, kurzfristig einmal bei der serbischen und/oder ungarischen Bahn nachzufragen.
Viele Grüße,
Sebastian

Das mit Deutsch als Eisenbahnsprache ist nicht richtig. Es gibt keine internationale Eisenbahnsprache, wer sollte diese auch festlegen? Es gibt da ja nur den UIC für den internationalen Wagenaustausch. Eisenbahnen sind seit jeher nationale Organisationen. Der Grund warum auf ungarischen Fahrkarten deutsche Anschriften zu finden sind, ist schlichtweg der, dass es in Ungarn eine deutschsprachige Minderheit gibt. Der Pesterlloyd beispielsweise erscheint auch u.a. auf Deutsch. Außerdem hat Ungarn einen unfreiwilligen historischen Bezug zur deutschen Sprache und ist beliebtes Durchreiseland bei deutschen, österreichischen und schweizerischen Bagpackern. In Kasachstan gibt es eine deutlich größere deutschsprachige Minderheit, die kennt man hier als Russlanddeutsche. Die dürften der Grund für die Deutschen Aufschriften auf kasachischen Fahrkarten sein, die internationale Eisenbahnsprache im Raum der ehemaligen SU ist russisch und definitiv nicht deutsch! Dagegen auf spanischen, schwedischen oder britischen Fahrkarten wirst du wohl kaum eine deutsche Bezeichnung finden, da dort keine deutschsprachigen Minderheiten existieren.

Lieber Robert,

Bitte entschuldige, aber es ist grosser Unsinn, den Du da schreibst.
Deutsche Fachbegriffe wirst Du bspw. auf Fahrscheinen Russland-Mongolei, oder auch China-Nordkorea (!!!) finden, internationale Betriebsanweisungen und schriftliche offizielle Kommunikation zwischen benachbarten Betriebsstellen verschiedener Eisenbahnen des ehemaligen Jugoslawiens werden trotz gemeinsamer Sprache in Deutsch abgefasst, einfach weil Deutsch (neben Französisch) offiziell vereinbarte Arbeitssprache der UIC ist. Es können mittels bilateraler Vereinbarungen auch andere Betriebssprachen vereinbart werden, aber wenn die Zusammenarbeit ausschließlich aufgrund von UIC- (oder auch OSZD-) Vereinbarungen erfolgt, sind die Arbeitssprachen Deutsch oder Französisch. Mit irgendwelchen Minderheiten hat das überhaupt nichts zu tun.

Das stimmt leider nicht. Ich habe gerade ein Paar grenzüberschreitenden Tickets aus dem Raum Ost-Europa angeschaut.
Dort steht alles nur auf Englisch und auf Russisch.

Hallo allerseits,
ich habe gerade auf den Seiten der dt Bahn nach dieser oder einer ähnlichen Verbindung Buda-Beo geschaut – den Nachtzug scheint es nicht mehr zu geben. Weiß jemand mehr? Hat das ggf mit den oben genannten Bauarbeiten zu tun? Danke und Gruß.

Hallo Anna,
ja, wegen einer Baustelle in Serbien ist der Zug bis auf Weiteres auf den Abschnitt zwischen Budapest und der ungarisch-serbischen Grenze verkürzt. Damit ist er für die Reise nach Belgrad leider aktuell keine Alternative mehr.
Viele Grüße,
Sebastian

Ich habe den aktuellen European Rail Timetable Summer 2019, das Europa-Kursbuch. Beim Blick auf die Strecke Budapest – Belgrad fällt auf, dass es aktuell nur noch eine Möglichkeit täglich gibt, über die Grenze zu kommen (ab 11:57 Uhr). Man muss dann in Kelebia an der Grenze umsteigen und kommt dann nur noch bis Novi Sad. Von dort muss man sich mit Bussen durchschlagen. Es soll da weder durchgehende Fahrkarten noch organisierten SEV geben. In die Gegenrichtung fährt der Zug um 10:57 Uhr in Novi Sad ab.
Wer beispielsweise bei bahn.de eine Fahrplanauskunft zwischen den beiden Städten abruft, dem wird der Umweg über Zagreb angezeigt.

Hallo Jonas,
ja, leider ist die Situation auf der Strecke Budapest-Belgrad zu Zeit ein einziges Trauerspiel. Und ob es in naher Zukunft noch einmal besser wird, steht in den Sternen…
Viele Grüße,
Sebastian

Hallo Jonas,

wenn Du von Deutschland/Österreich aus direkt fahren willst, ohne nach Budapest zu wollen, bietet sich im Sommer der Nachtzug von Ljubljana nach Beograd an. Ich bin ihn selber noch nicht gefahren, aber die Liegewagen werden Berichten zufolge von Optima Express (eine private Firma die u.a. einen Autozug von Villach in die Türkei betreiben) verwaltet und sind in einem sehr ordentlichen Zustand.

Aktuell ist das die beste Möglichkeit, mit dem Zug nach Belgrad zu kommen.

Viele Grüße,
Bernhard

Also, das kann dann nicht der EN 415 bzw. der Kurswagen D 415 sein. Dieser kommt von Zürich nach Zagreb. Danach fahren noch zwei Sitzwägen weiter nach Beograd Centar. Und die sind in eher mäßigem Zustand.
Über die übrigen Wägen bis (bzw. ab) Zagreb kann ich nichts sagen, weil wir auf den NJ nach München umgestiegen sind.
Mittlerweile gibt es übrigens nur noch Beograd Centar. Das Bahnhofsgebäude muss eigentlich noch gebaut werden, die Gleise standen wohl zeitweilig im Wasser. Niemand kennt den Bahnhof in Belgrad und es gibt nicht einmal eine Busanbindung. Stattdessen wird die „Belgrade Waterfront“ hochgezogen – ein Stadtteil-Investment aus Abu Dabi.
Die neue (Hochgeschwindigkeits-)Strecke Belgrad-Budapest wird dafür eine chinesische. Als Teil von Belt and Road; also der Hauptfokus wird wohl auf dem Warenverkehr liegen.

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