Rijeka: Mit dem Nachtzug in Kroatiens Kulturhauptstadt

Mit dem Nachtzug geht es ohne Umstieg von München nach Rijeka, Europas Kulturhauptstadt 2020. Hier verrät eine echte Kroatien-Expertin, warum sich die Reise lohnt.

Rijeka in Kroatien trägt 2020 den Titel „Kulturhauptstadt Europas“. Lange von Touristen links liegen gelassen, begeistert die Hafenstadt heute mit ihrem schrägen Charme. Und das Beste: Mit dem Nachtzug von München ist Rijeka nur eine Nacht entfernt. Autorin und Journalistin Veronika Wengert benutzt den Nachtzug regelmäßig. Im Interview erzählt sie über ihre Erfahrungen und verrät die besten Tipps für Rijeka und Umgebung.

Liebe Veronika, schon als Kind bist du regelmäßig mit dem Nachtzug nach Kroatien gereist. Erinnerst du dich noch an die ersten Fahrten?

Klar, wenn auch nur bruchstückhaft. Etwa an den großen Hauptbahnhof in München. Das ist schon sehr eindrucksvoll, wenn man aus einem Dorf kommt. Ich erinnere mich auch daran, dass ich nachts im Liegewagen aufgewacht bin und draußen hell erleuchtete Bahnsteige und Rangierarbeiter gesehen habe. Es hat gequietscht, der Zug hat sich bewegt. Mitten in der Nacht kamen dann die Grenzbeamten in die Kabine. Als Kind hat man ja schon Ehrfurcht vor Männern in Uniformen.

Auch heute bist du oft mit dem Nachtzug in deine zweite Heimat unterwegs. Hat es für dich immer noch den gleichen Charme?

Oh ja! Ich erinnere mich, dass der Nachtzug in München immer auf einem der äußeren Gleise im Bahnhof abfuhr oder dort auch frühmorgens ankam. Das tut er bis heute noch. Immer, wenn ich an dieser Ecke vorbeikomme, muss ich an den Nachtzug und die Urlaube meiner Kindheit denken.

Die kroatischen Schlaf- und Liegewagen haben für mich einen wunderbar nostalgischen Charme, auch wenn sie natürlich verhältnismäßig neu sind. Aber irgendwas erinnert mich noch an früher. Vielleicht sind es die Zugbegleiter, mit denen man sich schon am Bahnsteig auf Kroatisch unterhält? Sobald man den Zug betritt, ist das wie eine andere Welt. Die Reise beginnt für mich daher schon auf dem Gleis – zum Beispiel nach Rijeka.

Veronika Wengert

Veronika ist Journalistin, Reisebuchautorin und staatlich geprüfte Übersetzerin für mehrere slawische Sprachen. Neben Kroatien schlägt ihr Herz auch für Slowenien und andere Länder, die mit Sonne, Meer und netten Menschen aufwarten können. Ihre Leidenschaft teilt sie in ihrem Blog und ihrem Podcast KroatienExpertin.

Nach Aufenthalten in Moskau und Zagreb lebt Veronika nun mit ihrer Familie in Augsburg. Wann immer es die Zeit zulässt, zieht es sie in den Süden – am liebsten mit dem Nachtzug.

In Kooperation mit den ÖBB bietet die kroatische Bahn einen direkten Nachtzug von München nach Rijeka an. Kannst du uns mehr über diese Verbindung erzählen?

Ich buche den direkten Nachtzug nach Rijeka sehr gerne – vor allem, wenn ich alleine unterwegs bin. Das geht problemlos auf der ÖBB-Webseite. Der Schlafwagen fährt leider nicht ganzjährig, sondern nur saisonal, ist aber in meinen Augen die perfekte Verbindung. Man kommt nicht zu früh am Morgen an, sondern erst gegen halb zehn. Da hat man vorher noch wunderbar viel Zeit, um gemütlich aufzuwachen, einen Kaffee zu trinken und sich die Landschaft anzuschauen.

Das Beste daran: Ich steige in Augsburg in den Regionalzug, 40 Minuten später in München in den Nachtzug und bin weniger als zehn Stunden später direkt am Meer – und das ohne Umsteigen und ausgeschlafen!

Die Wagen nach Rijeka werden in der Nacht zwischen verschiedenen Zügen ausgetauscht. Wie nimmst du das Rangieren wahr?

Klar, es gibt Nächte, in denen wache ich in Villach oder Ljubljana auf. Unseren achtjährigen Sohn fasziniert das Rangieren in den Bahnhöfen sehr: In München fährt ein sehr, sehr langer Zug los – und wenn man am nächsten Morgen in Rijeka aussteigt, sind nur noch zwei Kurswagen übrig. Da kommt unweigerlich die Frage: „Mama, was ist mit dem Zug passiert?“.

Dass die übrigen Waggons nach Venedig, Budapest und Zagreb abgezweigt sind, während wir geschlafen haben, ist doch mega-spannend, oder? Auf der Rückfahrt ist es genau umgekehrt: Zwei Waggons stehen auf den Gleisen in Rijeka, und in München kommt ein endlos langer Zug an.

Wie sieht es mit Komfort und Service in den kroatischen Wagen aus?

Ich nutze manchmal den Liegewagen, der verkehrt aber nur von München nach Ljubljana oder Zagreb. Das ist wirklich erschwinglich, gerade wenn man alleine unterwegs ist und sich kein Privatabteil gönnen möchte – denn das hat natürlich seinen Preis. Aber: Im Vorjahr hatte ich einen laut schnarchenden Mitfahrer unter mir liegen. Der hat die ganze Nacht gesägt und an Schlaf war kaum zu denken. Nun ja, kann passieren.

Damenabteile gibt es übrigens auch, nur sind die nicht immer frei bei der Buchung. Unser kleiner Luxus ist es, den Schlafwagen zu buchen, am liebsten natürlich als Privatabteil. Dann kann man sich schön ausbreiten. Und natürlich ist das in Corona-Zeiten die sicherste Alternative.

Ein kleines Frühstück ist sicher auch dabei, oder?

Das Frühstück in den kroatischen Zügen kann man, muss man jedoch nicht haben: Schön starker Instantkaffee oder Tee, eine Flasche Wasser (die gibt es schon am Vorabend, zum Zähne putzen), ein kleines Fruchtsaftgetränk und – nun kommt es – so eine Art süßes Hamburgerbrötchen mit Butter und Marmelade. Das erinnert mich irgendwie an meine Kindheit, dieser Geruch, ich weiß auch nicht, warum.

Nachtzug nach Rijeka

Strecke:

München – Salzburg – Ljubljana – Opatija Matulji – Rijeka

Komfort an Bord:

Sitz- und Schlafwagen (bis 29. September 2020), Frühstück im Schlafwagen inklusive

Alternativen:

Weitere Nachtzüge der kroatischen Bahn sind auf den Strecken München–Zagreb und Zürich–Zagreb unterwegs.

Stichwort Grenzkontrollen: Wird man am frühen Morgen aus dem Schlaf gerissen?

Oh ja, gähn. Das war in den vergangenen Jahren leider verstärkt so. Die Grenzbeamten sind aber meist sehr nett und halten es kurz. Ein Blick auf den Pass, vielleicht noch die Frage, ob man allein im Abteil ist – und das war’s auch schon. Wach ist man trotzdem… Kroatien ist ja noch kein Schengen-Staat, da wird noch fleißig kontrolliert.

Kommen wir zum Ziel des Nachtzugs: Rijeka. Bei Touristen ist die Stadt vielleicht nicht ganz so bekannt wie Dubrovnik oder Split. Was macht für dich den Charme von Rijeka aus?

Ich bin ein großer Rijeka-Fan! Die Stadt ist wunderbar urban, es gibt dort nette Menschen, gute Restaurants, tolle Cafés und spannende Museen. Auf der Flaniermeile Korzo kann man gut einkaufen, etwa im Kaufhaus Korzo – ein sozialistischer Klotz von außen, aber innen… hach, die Schuhe und Handtaschen, da merkt man die Nähe zu Italien! Auf die Festung Trsat führen über 500 Stufen hinauf, hier trifft man sich auf einen Sundowner und hat einen tollen Ausblick auf die Stadt, die Hochhäuser, den Hafen mit seinen Containern und natürlich das Meer.

Rijeka Kroatien Adria Meer Boote
Das Element Wasser ist in Rijeka stets ganz nah (Foto: Borko Vukosav/Rijeka 2020)

Wohin gehst du als erstes, wenn du in Rijeka aus dem Nachtzug steigst?

Meist trinke ich einen Espresso, der in Kroatien einfach Kava genannt wird – und zwar mit Meerblick. Im Boonker, das ist ein ehemaliger Bunker, sitzt man direkt an der Hafenkante. Auf der anderen Seite des Hafenbeckens gibt es noch mehr Cafés, das ist in Nähe der Markthallen und da geht es immer quirlig zu. Also irgendwo mit Meerblick, wo man Kräne, Schiffe oder Markthändler sieht und sich unter die Einheimischen mischen kann.

Das klingt klasse! Abgesehen von Hafenromantik: Welche Highlights in Rijeka sollte man auf keinen Fall verpassen?

Rijeka hat echt tolle Museen! Im Computermuseum Peek&Poke wird man vom Besitzer mit Likör und Saft oder Bonbons für die Kinder wie ein alter Freund begrüßt. Man darf die alten Retro-Konsolen ausdrücklich anfassen oder Pacman am Röhrenmonitor spielen. Im See- und Geschichtsmuseum des Kroatischen Küstenlandes gibt es eine Original-Rettungsweste, die schon auf der Titanic im Einsatz war. Die alte Fabrik gegenüber vom Hauptbahnhof ist nun ein Modernes Kunstmuseum. Und ein Torpedo-Museum gibt es auch, der wurde nämlich in Rijeka erfunden.

Toll ist die Buslinie 32: Da steigt man ein und fährt quer durch die ganze Stadt, am Stadion Kantrida entlang, der Werft 3. Maj bis in die Badeorte Opatija und Lovran. Auf dem Rückweg kann man mit Umsteigen bis zur Festung Trsat hinauffahren und spart sich das Treppensteigen. Unterhalb der Festung, auf dem Titov trg, verläuft eine rote Linie – die markiert die frühere Staatsgrenze zwischen Italien und Jugoslawien, denn Rijeka war in den Zwischenkriegsjahren zweigeteilt. Eine spannende Vergangenheit!

Die Einkaufstraße Flaniermeile Korzo in Rijeka, Kroatien
Ein Bummel über den Korzo darf bei einem Besuch in Rijeka nicht fehlen (Foto: Rijeka Tourist Board)

Keine Überraschung also, dass Rijeka 2020 Europäische Kulturhauptstadt ist. Auch wenn durch die Corona-Pandemie sicher einiges anders lief, als geplant…

Ach je, für Rijeka tut es mir wirklich leid. Über 1000 Projekte waren geplant, man hoffte auf viele Besucher aus ganz Europa und einen Aufschwung des Tourismus – und dann kam Corona und alles fiel buchstäblich ins Wasser. Kleinere Projekte finden nun zwar statt, aber ich hoffe sehr, dass Einiges einfach verschoben wird ins nächste Jahr und ausländische Touristen Rijeka endlich auch verstärkt für sich entdecken.

Ein Schritt ist sicher auch der Sommer-Nachtzug aus Prag, der seit kurzem verkehrt. Der erste Zug im Juli 2020 wurde mit Musik und dem Bürgermeister von Rijeka empfangen. Ich bin da gerade zufällig am Bahnhof vorbeigekommen und habe mich sehr über diese neue Chance für den Tourismus gefreut.

Wer länger in Rijeka bleibt, möchte sicher auch die Umgebung erkunden. Kannst du Ausflüge rund um die Stadt empfehlen?

Ich mag Opatija sehr, da kann man auch im Winter gut Urlaub machen und die zwölf Kilometer lange Promenade entlang flanieren. Das tat schon der österreichische Kaiser. Der Habsburger Adel ließ sich sogar mit der Südbahn die Sachertorte dorthin bringen! Die Bahn reichte damals nur bis Opatija-Matulji, ein wunderschöner Bahnhof im Villenstil mit Palmen und Blumen. Runter an die Küste ging es dann mit der Kutsche.

Das ist heute anders: Mit dem Schnellboot, Katamaran, kommt man von Rijeka auf die Insel Krk, an den Sandstrand Lopar auf Rab. Oder man nimmt sich einen Mietwagen und entdeckt das gebirgige Hinterland, Gorski kotar. Dort kann man Wandern, etwa im Nationalpark Risnjak und köstlichen Blaubeerstrudel essen. Wer gerne badet, ist von Rijeka aus mit dem Bus schnell in den Badeorten Crikvenica oder Novi Vinodolski in der östlichen Kvarner-Region.

Opatija Lungomare Adria Meer Promenade
Durch Opatija flanierte schon der österreichische Kaiser (Foto: Veronika Wengert)

Veronika, neben deiner Tätigkeit als Autorin und Journalistin bist du auch Übersetzerin für Kroatisch und andere slawische Sprachen. Welche Ausdrücke sollten im Reisevokabular nicht fehlen?

Da fällt mir ein wichtiger Satz ein: „Ajmo na kavu!“. Das heißt auf Deutsch: „Lass‘ uns einen Kaffee trinken gehen!“. Für einen Kaffee, der in Kroatien eigentlich ein Espresso ist, haben die Kroaten nämlich immer Zeit. Im Café trifft man sich, tauscht sich aus und macht sogar Geschäfte.

Für Reisende gehört „Guten Tag“, also „Dobar dan“ oder „Bok“, in Istrien auch „Adio“ dazu, was etwa so viel wie „Hallo“, aber auch „Tschüss“ bedeutet. In Rijeka gibt es eine typische Wendung: „Šta da?“, die findet sich auch auf T-Shirts und Taschen. Das bedeutet etwa so viel wie „Was du nicht sagst!“.

Hast du noch andere praktische Tipps für Kroatien-Urlauber?

Wer einen Badeurlaub in Kroatien plant, sollte sich unbedingt vorher erkundigen: Gibt es dort einen Kiesstrand oder gar einen Betonstrand? Sandstrände sind eher selten, etwa in Medulin oder Lopar auf der Insel Rab. Beim Badeurlaub im Hochsommer schadet es auch nicht, ein Appartement in Meeresnähe zu buchen, um sich die leidige Parkplatzsuche zu sparen. Daher: Am besten mit dem Zug anreisen.

Und ja, bloß nicht zu viel vornehmen! Wer nur zwei Wochen Zeit hat, kann nicht die ganze Küste von Istrien bis Dubrovnik entdecken, einschließlich der über 1000 Inseln. Lieber im nächsten Jahr wiederkommen. Wer kann, sollte Mitte Juli bis Mitte August meiden und vor allem die Samstage, da wird es voll auf den Autobahnen und an den Grenzübergängen.

Bahnhof von Rijeka, Kroatien
Am Bahnhof von Rijeka (Foto: Veronika Wengert)

Zum Schluss müssen wir noch kurz über die Corona-Situation sprechen. Du kommst gerade aus Kroatien zurück, wie ist die Lage dort?

Kroatien ist bislang – toi, toi, toi – relativ gut davongekommen, auch wenn man die Situation aktuell unbedingt im Auge behalten muss. Das liegt sicher an den recht frühen und strikten Lockdown-Maßnahmen, die man ergriffen hat. Generell gilt: Maske im Bus oder wo viele Menschen unterwegs sind. Die meisten verhalten sich vernünftig. Und vor wirklich jedem Laden, jeder Imbissbude, beim Bäcker oder in Restaurants stehen Desinfektionsspender für die Hände, die man verwenden muss.

Welche Hygienevorkehrungen gibt es im kroatischen Nachtzug?

Bei meiner letzten Fahrt von Ljubljana gab es Einweg-Bettwäsche aus weißem Flies. Alles war in einer Plastikverpackung und man musste sich das Bett selbst überziehen. Liegewagen können außerdem nur zu viert belegt werden statt zu sechst, die mittleren Betten werden also bei der Buchung gar nicht freigegeben. Ein echter Luxus sind natürlich Privatabteile, die man auch buchen kann. Da kommt man sich nicht zu nahe.

Liebe Veronika, vielen Dank für das Interview und dir und deiner Familie allzeit gute Fahrt mit dem Nachtzug nach Rijeka!

4 Kommentare

Herzlichen Dank für diese gute Info, wir überlegen uns ernsthaft, wenigstens nach Rijeka den Nachtzug zu nehmen, obwohl wir weiter weg von München wohnen…..doch es würde uns bestimmt gefallen und ein schönes Erlebnis dazu sein !!

Hallo Heidi,
freut mich, dass dir der Artikel gefallen hat. 🙂
München ist ja recht gut an den Rest Deutschlands angebunden, da findet sich bestimmt eine passende Verbidung. Ein Vorteil ist, dass der Nachtzug nach Rijeka recht spät abfährt (23:20 Uhr), so dass man vorher genug Zeit hat, um nach München zu kommen.
Viele Grüße,
Sebastian

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