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Die Eisenbahn von Bosnien und Herzegowina will ab Juli 2018 einen Nachtzug zwischen Sarajevo und Bihać im Nordwesten des Landes anbieten. Was ist dran an dem Projekt? Wir haben alle Infos gesammelt.

Balkan und Eisenbahn, das ist eine Geschichte des Scheiterns. Die Strecken sind marode, Jahr für Jahr werden die ohnehin spärlichen Verbindungen weiter ausgedünnt, die meisten Schlaf- und Speisewagen sind längst aus Kursbüchern und Zügen verschwunden.

Mitten hinein in die Tristesse platzt nun diese Nachricht: Die staatliche Eisenbahn von Bosnien und Herzegowina, kurz ŽFBH, plant ab dem 1. Juli 2018 den Personenverkehr zwischen Sarajevo und Bihać wieder aufzunehmen. Das berichtet das International Railway Journal unter Berufung auf ŽFBH-Kreise.

Zum Einsatz kommen sollen moderne Züge des Typs „Talgo“, wie sie bereits seit September 2016 auf den Strecken Sarajevo–Doboj–Banja Luka und Sarajevo–Mostar–Čapljina unterwegs sind. Und das offenbar mit Erfolg, wie die nun geplante Erweiterung des Streckennetzes nahelegt. Doch es kommt noch besser: Die ŽFBH plant, die neue Verbindung nach Bihać als Nachtzug anzubieten – inklusive Schlafwagen!

Talgo Bosnien und Herzegowina

Der Talgo ist der Stolz der Eisenbahn von Bosnien und Herzegowina (Foto: ŽFBH)

Comeback der Una-Bahn

Bihać ist eine Stadt mit 60.000 Einwohnern im äußersten Nordwesten Bosnien-Herzegowinas. Sie liegt an der Una-Bahn, die eine Schienenverbindung ins kroatische Knin an der Strecke Zagreb-Split herstellt. Während des Bosnienkrieges wurde die Strecke beschädigt und der Verkehr über die Grenze eingestellt. Im Dezember 2012 fuhr außerdem der letzte Personenzug auf dem bosnischen Abschnitt zwischen Novi Grad und Bihać. Die kroatische Teilstrecke ist seit 2014 außer Betrieb.

Seit 2017 gibt es Bestrebungen, die Una-Bahn zu reaktivieren. Auf bosnischer Seite im Gange ist derzeit die Elektrifizierung des 47 Kilometer langen Abschnitts zwischen Blatna und Bihać. Die Arbeiten sind im Zeitplan, wie Radio Sarajevo im April berichtete, so dass es voraussichtlich im Juli erstmals seit 27 Jahren wieder zu einer direkten Zugverbindung in die Hauptstadt Sarajevo kommt.

Nachtzug mit Abstrichen

Laut Fahrplanentwurf wird die Fahrt von Sarajevo nach Bihać achteinhalb Stunden dauern. Für eine Strecke, die man mit dem Auto in fünf Stunden zurücklegt, ist das viel. Auf der anderen Seite sind Fahrzeiten ab acht Stunden ideal für eine Reise im Nachtsprung. Das hat offenbar auch die ŽFBH realisiert.

Gibt es also einen neuen Nachtzug auf dem Balkan? Zu schön, um wahr zu sein. Der Blick auf die geplanten Fahrzeiten trübt die Freude: In nördlicher Richtung soll der neue Zug Sarajevo bereits um 16:00 Uhr verlassen und Bihać um 0:28 Uhr erreichen. So wird aus dem Nachtzug doch eher eine Tagesrand-Verbindung. In Gegenrichtung ist die Abfahrt in Bihać für 01:57 Uhr geplant, die Ankunft in Sarajevo für 10:28 Uhr.

Talgo Bosnien Herzegowina Bahnhof

Ab 1. Juli 2018 soll der Talgo durch die Nacht nach Bihać fahren (Foto: ŽFBH)

Talgo mit Schlafkabine

Trotz der unpraktischen Abfahrts- und Ankunftszeiten setzt die ŽFBH auf Züge mit Schlafmöglichkeit. Dass die bosnischen Talgo-Einheiten tatsächlich über Betten verfügen, zeigen Fotos auf der tschechischen Website Vagonweb. Auch die Preise stehen bereits fest: Eine Einzelkabine soll umgerechnet etwa 20 EUR kosten, eine Doppelkabine 31 EUR.

Neben Schlafplätzen bieten die Talgo-Züge mit Klimaanlage, WLAN und Fernsehern alle Annehmlichkeiten. Auch ein Barwagen mit Snacks und Getränken fehlt nicht. Damit gehören die Fahrzeuge des spanischen Herstellers zu den modernsten auf dem Balkan. Eindrücke einer Fahrt mit dem Talgo von Sarajevo nach Mostar gibt es auf rail.cc.

Skepsis und Hoffnung

Bevor der erste Achtungspfiff am Bahnhof von Sarajevo ertönt ist, bleibt Skepsis jedoch angebracht – es ist immer noch der Balkan. So steht hinter der Überschrift vorerst ein dickes Fragezeichen. Dennoch: Anders als in den Nachbarländern – exemplarisch sei hier Serbien genannt – scheint man in Bosnien und Herzegowina an die Eisenbahn zu glauben. Und das macht Hoffnung für die Zukunft.