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Gereist wurde schon immer. Das Bedürfnis, von einem Ort zu einem anderen zu gelangen, verbindet nahezu alle Menschen, gleichwohl die Anlässe der Reisen so unterschiedlich sind, wie auch die Fortbewegungsmittel, derer sich der Reisende bedient.

Mit der Entstehung der ersten Eisenbahnstrecken erweiterten sich im 19. Jahrhundert die Möglichkeiten des schnellen Transports von Waren und Menschen erheblich. Das rasant anwachsende Netz an Verbindungen und die technischen Weiterentwicklungen bei den Zügen sorgten für eine immer größere Nachfrage.

Und auch die Reisegründe selbst wurden vielfältiger: von Geschäftsreisen, der Fahrt in den Urlaub, bis hin zum Pendeln zur Arbeitsstätte und zurück. Und mehr noch: es soll sogar Menschen geben, die sich nur des Reisens wegen selbst auf den Weg machen. Von einem dieser kleinen, beherzten Gruppe entstanden die folgenden Zeilen.

Orte der Gastlichkeit

Die Eisenbahn entwickelt sich seit ihrer Existenz stets rasant weiter. Da, wo man auf sie setzt und an sie glaubt, überzeugt sie bis heute viele Menschen. Dort, wo sie fast aufgegeben ist, wird sie von eben so Vielen schmerzlich vermisst. Denn selbst als sich der motorisierte Individualverkehr auf der Straße in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts endgültig durchsetzte, konnte sie sich in vielen Ländern als gefragtes Verkehrsmittel behaupten.

Das hat mit vielen rationalen Faktoren wie Sicherheit, Zuverlässigkeit und Berechenbarkeit zu tun. Aber auch – und das wird von den heutigen Verantwortlichen mitunter sträflich unterschätzt – mit Reisekultur.

Das beste Beispiel dafür ist der Speisewagen. Bei seiner Einführung vor über 150 Jahren musste noch mit Protest der Bahnhofswirte gerechnet werden, die sich um ihre Einnahmen genommen sahen. Schon bald etablierten sich aber beide – die stationäre Gastronomie in den Bahnhöfen und die rollenden Restaurants in den Zügen – zu sich vortrefflich ergänzenden Versorgungsstätten, oft gar zu Orten der Gastlichkeit.

Speisewagen Slowenien Bier

Blumen am Fenster, Bier im Glas: Gastlichkeit im rollenden Restaurant.

Wie in längst vergangenen Zeiten

Am besten auch heute noch sicht- und erlebbar ist diese Einheit der kulinarischen Umsorgung in östlichen und südöstlichen Ländern Europas. Während man sich in Deutschland in so genannten Einkaufsbahnhöfen mit allerlei Unnützem und bisweilen auch überteuerten oder aber qualitativ minderwertigen Konsumartikeln aller Art ausrüsten kann, werden beispielsweise in Tschechien, der Slowakei oder Polen noch traditionelle Ansätze aus bei uns längst vergangenen Zeiten am Leben gehalten.

In zahlreichen mittleren und auch kleinen Stationen gibt es noch Warteräume, Fahrkartenschalter und bisweilen rustikale Bahnhofsgaststätten. Nicht selten stehen mehr Gerichte auf der Karte, als Züge am Abfahrtsplan und so beginnt die entschleunigte Reise bereits beim kühlen Bier in eben einer dieser Spelunken.

Guten Mutes werden anschließend die zähen Stunden auf der Nebenbahn mühelos Kilometer für Kilometer abgefahren. Beim Umsteigen dann gilt die Zeit als das wertvollste Gut. Denn nicht die schnellste Verbindung zählt, sondern die vielleicht beschaulichste Strecke oder eine besondere Zug-Kompositionen waren ausschlaggebend bei der Wahl der Route.

Als wären Rhabarber-Schorle und Schinken-Käse-Baguette, Steamer und Mikrowelle aus Welten, die mit ihrer Art von Eisenbahn so gar nichts zu tun haben können.

Die Reise ist somit keine stressige halbe Stunde im nervösen an-der-Tür-Stehen zwischen Mannheim und Frankfurt, sondern vielmehr bereits ein Teil des beginnenden Urlaubs oder gar das Ziel selbst.

Doch zurück zur genussvollen Reisekette.

Gute Eisenbahnen wie jene in Tschechien oder der Slowakei haben bestenfalls längst erkannt, dass ein verlässlicher Dienst am Kunden auch mit seiner Verpflegung an Bord des Zuges einhergeht oder es schlimmstenfalls noch nicht bemerkt, dass man auch diese herrliche Form des Reisegenusses entbehrlich machen könnte.

Und so stehen sie dort noch immer mit Stift und Block am mit Blumen und einer kleinen Lampe geschmückten Tisch vor dem Gast. Sie nehmen die Bestellung auf, eilen in dem ihnen angemessen erscheinenden Tempo in die Küche und kochen und brutzeln noch immer, klopfen Schnitzel, schlagen Eier auf, zapfen namhaftes, kaltes Bier aus einem großen Fass – gerade so, als wären Rhabarber-Schorle und Schinken-Käse-Baguette, Steamer und Mikrowelle aus Welten, die mit ihrer Art von Eisenbahn so gar nichts zu tun haben können.

Es duftet nach Melancholie im letzten slowenischen Speisewagen

Auch der Verfasser dieses Textes durfte all dies unlängst – wieder einmal, noch einmal, vielleicht ein letztes Mal? – erleben. Im kleinen, aber ausgesprochen lieblichen Slowenien ist die Zeit der Speisewagen schon beinahe vorbei. Ein einziger Fernreisezug mit slowenischem Restaurant-Wagen ist noch verblieben, ein stolzer EuroCity, der den Namen der Hauptstadt Ljubljana aus der Römerzeit trägt: EMONA.

Slowenischer Speisewagen am EC Emona in Ljubljana

Der letzte slowenische Speisewagen, hier bei seiner Abfahrt in Ljubljana.

Inmitten von vier Wagen der 2. und einem der 1. Klasse sorgt er nachmittäglich für die Verpflegung der nach Graz und Wien Reisenden, um am darauffolgenden Vormittag wieder Hungrige und Durstige zurück nach Slowenien zu bringen. Im wohligen Ambiente einer anderen Zeit werden Tischdecken noch von Halterungen aus Plastik am Verrutschen gehindert, die langgezogene Bar ist seitlich mit violetten Polstern bezogen und kleine Kunstblumensträuße zieren die Fensterplätze.

Der Koch ist in Personalunion auch Kellner und betont mit Nachdruck, dass selbstverständlich alle Gerichte aus der Karte auch an Bord verfügbar sind. Wenige Minuten später zischt das Wiener Schnitzel im heißen Butterschmalz, es riecht nach Fleisch, Pommes, Bratfett – und nach Melancholie.

Wiener Schnitzel im slowenischen Speisewagen

Frisch aus der Pfanne: Wiener Schnitzel im slowenischen Speisewagen.

Der Durst vor, während und nach dem Essen wird standesgemäß mit einheimischen Bieren gelöscht. Im Hintergrund dudelt volkstümliche Musik eines österreichischen Radiosenders, draußen fließt das kleine Flüsschen Savinja friedlich dem Zug entgegen. Man prostet sich zu, man hat Feierabend oder sich etwas zu erzählen oder ist einfach nur wegen all dem hier. Und weil es vielleicht schon bald vorbei sein wird.

Daher also mein zutiefst überzeugter Aufruf zum Schluss an den geneigten Leser: lassen Sie es sich noch einmal schmecken – „Dober Tek!“ im letzten slowenischen Speisewagen!