Die Österreichischen Bundesbahnen planen ab Januar 2020 einen Nachtzug von Wien und Innsbruck nach Brüssel. Alles was du zum neuen Nightjet wissen musst.

Die Überraschung ist gelungen. Selbst eingefleischte Nachtzugfans wurden kalt erwischt, als am Morgen des 5. Oktober ein Interview mit ÖBB-Chef Andreas Matthä in der Wiener Zeitung erscheint. Ganz am Ende der entscheidende Satz: „Wir planen ab Jänner 2020 einen Nightjet nach Brüssel und arbeiten mit Hochdruck daran.“ Was folgt ist ein Sturm in den sozialen Netzwerken. So heftig, dass sich bald auch die ÖBB selbst genötigt fühlen, sich zu äußern – mit einem Bild vom berühmten Atomium.

Wenige Wochen später dann die Bestätigung: „Willkommen Brüssel!“ hieß es auf der jährlichen Bilanz-Pressekonferenz in Wien. Doch wie wird der Nachtzug nach Brüssel aussehen? Wir haben alle Fakten zusammengetragen.

Ausgerechnet Brüssel?

Wenn es um neue Ziele für den Nightjet geht, stehen Amsterdam und Kopenhagen oft ganz oben auf der Liste. Warum dann ausgerechnt Brüssel? Die ÖBB haben es wohl auf eine besondere Zielgruppe abgesehen: EU-Parlamentarier, Beamte und andere, die beruflich in Brüssel zu tun haben. Zahlungskräftige Kunden also, die zuverlässig für eine Grundauslastung sorgen. Immer mehr Institutionen verfolgen außerdem eine No Fly Policy, unterstützen so das Reisen mit der Eisenbahn.

Darüber hinaus ist Brüssel als Schienendrehkreuz nicht zu vernachlässigen. Ob London oder Paris – mit dem Eurostar sind die Metropolen nur einen Umstieg entfernt. Und nicht zuletzt: Ein Nachtzug in das Herz Europas – für die ÖBB, die ihren Nightjet zum Synonym für europäisches Nachtzugreisen machen wollen, ist das auch ein politisches Statement.

Rathaus Brüssel Bruxelles Belgien Nacht
Das Rathaus von Brüssel, bald nur noch eine Nacht von Wien entfernt?

Die Ausgangslage

Luftlinie liegen Wien und Brüssel etwa 900 Kilometer voneinander entfernt. Mit dem ICE lässt sich die Strecke mit einem Umstieg in 10 Stunden und 20 Minuten zurücklegen. Für viele Reisende dürfte das deutlich jenseits der „Schmerzgrenze“ für eine Zugfahrt am Tag liegen. Aber lässt sich Brüssel nicht auch heute schon über Nacht erreichen?

Ja und nein. Theoretisch kann man abends in Wien in den Nightjet in Richtung Westdeutschland steigen. Das Problem: Um den ersten ICE nach Belgien zu erwischen, endet die Fahrt bereits um 5:35 Uhr am Bahnhof Frankfurt Flughafen. Eine entspannte Nacht sieht anders aus. Bei einem späteren Umstieg in Köln ist man hingegen frühestens um halb elf in Brüssel – und damit zu spät für die meisten Geschäftstermine. Ein direkter Nachtzug von Wien nach Brüssel würde die Situation also deutlich verbessern.

Nachtzug Wien-Brüssel nicht täglich?

An der Ankündigung des ÖBB-Chefs ist vor allem eins bemerkenswert: der Starttermin. Demnach soll der Nachtzug Wien-Brüssel bereits ab Januar 2020 den Betrieb aufnehmen. Es ist klar, dass in so kurzer Zeit kein völlig neuer Zuglauf auf die Beine gestellt werden kann. Außerdem fehlt es den ÖBB an Wagenmaterial. 13 neue Nightjet-Garnituren sind zwar bestellt, werden allerdings erst Ende 2022 einsatzbereit sein.

Ein interessanter Ausweg wurde erstmals auf dem Portal Drehscheibe Online ins Spiel gebracht. Dort heißt es, die ÖBB planen den bestehenden Nightjet 40490 an zwei Tagen in der Woche statt nach Düsseldorf ab Köln über Aachen und Lüttich nach Brüssel fahren zu lassen. Auf diese Weise wird kein zusätzlicher Wagenpark für die Verbindung nach Brüssel benötigt. Im Gegenzug verliert dadurch allerdings Düsseldorf seine tägliche Nachtzug-Anbindung.

Nightjet Wien Hauptbahnhof
Der Nightjet fährt ab Januar 2020 nach Brüssel (Foto: ÖBB/Harald Eisenberger)

Dieses Konzept wurde schließlich so von den ÖBB bestätigt. Auch die Wochentage stehen bereits fest: Fahrten von Wien bzw. Innsbruck nach Brüssel gibt es jeweils sonntags und mittwochs. Von Brüssel nach Wien/Innsbruck zurück geht es dann am Montag- und Donnerstagabend. Für Österreicher, die eine typische EU-Arbeitswoche in Brüssel verbringen, ist das ideal. Aber auch Tagestermine lassen sich am Montag und am Mittwoch realisieren.

Die Route nach Brüssel

Bisher fährt der Nightjet 40490 Wien–Düsseldorf über Linz, Passau, Regensburg, Nürnberg, Frankfurt und Mainz, von wo er sich dann – landschaftlich reizvoll – durch das Mittelrheintal seinem Ziel nähert. Auf dieser Route wird auch der neue Nachtzug nach Brüssel verkehren.

In Köln wird der neue Nightjet Wien-Brüssel dann „links abbiegen“ und seine Fahrt auf der ICE-Strecke über Lüttich (Bahnhof Liège-Guillemins) in die europäische Hauptstadt fortsetzen. Weil im belgischen Eisenbahnnetz ein anderes Stromsystem herrscht, muss am deutschen Grenzbahnhof Aachen ein Lokwechsel vorgenommen werden.

Karte Nachtzug von Wien nach Brüssel
So sieht die mögliche Strecke für den Nachtzug nach Brüssel aus

Wie lang dauert die Fahrt?

Die Fahrt mit dem Nightjet von Wien nach Brüssel wird mit etwas über 14 Stunden zu den längeren Nachtzug-Strecken in Europa gehören. Los geht es am Wiener Hauptbahnhof um 20:38 Uhr, Ankunft am Bahnhof Bruxelles Midi ist um 10:55 Uhr. Der Innbrucker Zugteil macht sich um 20:44 Uhr auf den Weg, die Abfahrt am wichtigen Zwischenhalt München Hbf ist um 22:52 Uhr. Übrigens: Wer es eilig hat, kann in Köln auf den ICE umsteigen und ist dann bereits um 9:35 Uhr in Brüssel.

In Gegenrichtung ist die Abfahrt in Brüssel um 18:04 Uhr, Wien wird am nächsten Morgen um 08:27 Uhr erreicht. Der Innbrucker Zugteil erreicht den Hauptbahnhof in München um 07:09 Uhr am und kommt schließlich um 09:14 Uhr an seinem Ziel- und Endbahnhof Innsbruck an.

Wie geht es weiter?

Das hier beschriebene Konzept für den Nachtzug von Wien nach Brüssel ist vermutlich nur eine Übergangslösung. Denn auch das hat ÖBB-Chef Matthä im Interview bestätigt: Ein Nightjet nach Amsterdam soll zum Fahrplan 2021 folgen. Im Zuge dessen könnte die Strecke nach Brüssel dann als Kurswagenverbindung betrieben werden – und zwar täglich.

Wie auch immer es kommt: Das Bestreben der ÖBB, ihr Nightjetz-Netz auch kurzfristig weiter auszubauen, ist natürlich zu begrüßen. Sobald es neue Infos in Sachen Fahrplan etc. gibt, wird dieser Artikel natürlich aktualisiert. Also, um es mit den Worten der ÖBB zu sagen: Stay tuned!

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