Über 2.000 Kilometer Luftlinie sind es von Mannheim nach Marokko. Karsten zeigt dir, dass du die auch ohne Probleme mit dem Zug zurücklegen kannst. Im ersten Teil seines Berichts geht es mit Highspeed ans Ende Europas.

Fernreisen ohne Flugzeug? Zugegeben, das klingt sonderbar, geht aber noch immer. Die Idee zu einer Zugfahrt nach Afrika reifte mehrere Jahre und es dauerte etwas, bis der Familienrat dem Vorschlag zustimmte. Über Ostern war es dann so weit: Wir machten uns in unserem Wohnort im Rhein-Main-Gebiet auf, um mit der Eisenbahn ganz weit in den Südwesten zu fahren – über Frankreich und Spanien bis nach Marokko. Die zweiwöchigen Schulferien sollten dafür ausreichen.

Bei der Vorbereitung gab es schnell ernüchternde Erkenntnisse. Ganz so einfach wie zu den besten Zeiten des Interrail-Reisens ist es nämlich doch nicht mehr: Bahnfahrten durch Frankreich und Spanien sind nicht billig. Kostenlose Mitnahme größerer Kinder ist dort nicht vorgesehen. Railplus-Rabatt für Bahncard-Besitzer gibt es jenseits von Paris ebenfalls nicht.

Die auf der Kult-Webseite vom „Mann auf Sitz 61“ empfohlene Route nach Marokko unter Nutzung des neuen Paris-Barcelona-TGV fiel als unbezahlbar aus. Liegewagen für den französischen Teil der Strecke waren nicht längerfristig im Voraus buchbar. Außerdem: In Spanien gibt es leider überhaupt keinen passenden Nachtzugverkehr zwischen Norden und Süden des Landes mehr.

Pfalz, Paris, Baskenland

Nach einigem Knobeln fanden wir doch noch eine erschwingliche Route, die sich komplett und weitgehend problemlos im Internet buchen lässt: mit DB-Angeboten nach Paris, mit französischen Sparpreisen ins Baskenland, und weiter mit dem spanischen Renfe-Sonderangebot „Vier Plätze am Tisch“ (Tarifa 4Mesa) durch Spanien. Um Ärger mit Verspätungen und verpassten Anschlüssen weitgehend auszuschließen, baute ich einige großzügige Zwischenstopps in die Route ein.

Die Fahrt startet gleich am ersten Ferientag zu unchristlicher Zeit um kurz nach fünf Uhr morgens. Der Grund: Wir müssen in Mannheim unbedingt den Früh-ICE nach Paris erwischen. Nach eher gemütlichem Gezuckel durch den Pfälzerwald beschleunigen die Züge hinter Saarbrücken planmäßig auf bis zu 320 Kilometer pro Stunde. So schnell waren wir bislang noch nirgendwo mit der Bahn unterwegs. In Paris bleiben uns knapp über zwei Stunden für den Bahnhofswechsel, die wir für eine Blitz-Stadtbesichtigung nutzen.

ICE und TGV in Paris Ost

ICE trifft TGV im Pariser Gare de l’Est

Bahnhof Paris Est

lle Züge aus Deutschland kommen am Pariser Ostbahnhof an

Paris im Schnelldurchlauf

Von einem guten Freund und echten Frankreich-Freak hatten wir einen heißen Tipp bekommen, wie das zu bewerkstelligen wäre: Statt der Metro nehmen wir den Stadtbus und steigen auf halber Strecke einmal direkt an der berühmten Glaspyramide des Louvre aus.

Von dort aus kann man nicht nur den Park Jardin des Tuileries bestaunen, sondern in der Ferne auch die Prachtstraße Champs-Élysées. Noch weiter entfernt sogar den Eiffelturm – jedenfalls immerhin dessen Spitze. Zugegeben: Eine barbarische Methode, Paris kennenzulernen, aber besser als nichts. Bei der Ankunft am Bahnhof Montparnasse ist unser TGV in die spanische Grenzstadt Irún bereits auf den Anzeigetafeln angezeigt.

Paris Louvre

Paris in 20 Minuten: Zwischenstopp am Louvre

Paris Montparnasse Abfahrt Anzeige

Digitale Abfahrtstafel am Bahnhof Paris Montparnasse

Rausch der Geschwindigkeit

Wer wie wir gewöhnlich mit der Eisenbahn in Osteuropa unterwegs ist, der kommt sich in Frankreichs Highspeed-Bahn zunächst vor wie in einem anderen Universum. Die Eindrücke sind – das gehört dazu – nicht uneingeschränkt positiv. Natürlich ist es toll, in Nullkommanichts komplett durch einen  mittelgroßen Staat zu rauschen. Andererseits kann der stundenlange Anblick endloser Lärmschutzwände vor dem TGV-Fenster ganz schön depressiv machen.

Außerplanmäßige Endstation der Reise ist bei uns bereits der französische Grenzbahnhof Hendaye. Statt auf den versprochenen Schienenersatzverkehr für die letzten zwei oder drei Kilometer zu warten, entdeckten wir die benachbarte Station der drolligen baskischen Schmalspurbahn „Euskotren“. Deren Dienste wollten wir sowieso in Anspruch nehmen, denn unsere Unterkunft für die erste Nacht hatten wir in San Sebastián gebucht.

Hendaye Bahnhof Euskotren Zug

Im Grenzort Hendaye beginnt die Strecke der baskischen Bahngesellschaft Euskotren

Euskotren Bahnhof San Sebastian

Ankunft am Bahnhof San Sebastián

Mini-Rio San Sebastián

Am Abend führen wir die Kinder gleich noch in die schöne Tradition der Tapas-Bars ein. Bei den Basken heißen die Häppchen „Pintxos“ und fallen besonders üppig aus. Mit den beiden Sandstrand-Buchten und einem Berg samt Jesus-Statue dazwischen wirkt San Sebastián wie eine Mini-Version von Rio. Einen halben Tag erkunden wir die wunderschöne Stadt am Meer, die wir von einem Besuch kurz vor der Jahrtausendwende noch etwas in Erinnerung hatten. Damals gab es den bequemen direkten Schlafwagenzug von Frankfurt nach Südfrankreich.

San Sebastian Aussicht

Blick auf San Sebastián, Mini-Rio mit Strand, Bergen und Jesus-Statue

Eisenbahn in Spanien

Noch am Nachmittag wollen wir die fünfstündige Weiterfahrt nach Madrid antreten. Die spanische Eisenbahn hat in den vergangenen Jahrzehnten eine wahre Revolution hinter sich: Ein Netz von Schnellfahrstrecken wurde von Madrid aus strahlenförmig durch das ganze Land gebaut.

Da der Hochgeschwindigkeitsverkehr auf europäischer Normalspur abgewickelt wird, der Rest jedoch auf iberische Breitspur, gibt es an den „Zufahrten“ Umspuranlagen. Staunend erleben wir, dass der Umbau der Radgestelle jeweils nur wenige Minuten dauert. Das kannten wir von den Grenzbahnhöfen zur ehemaligen Sowjetunion bislang ganz anders.

Renfe Zug San Sebastian Madrid

Der Renfe-Schnellzug nach Madrid fährt ein

Umspuren Madrid Algeciras

Typisches Bild in Spanien: Umspuranlage mitten im Nirgendwo

Überraschung Madrid

In Madrid haben wir eine Pension für zwei Nächte gebucht. Für uns ist der Besuch in der spanischen Hauptstadt eine positive Überraschung: Madrid ist eine freundliche, energiegeladene Millionenstadt mit toller Architektur, die wir bei einem halbtägigen Bummel bestaunen. War es im Baskenland noch kühl und meist trübe, so herrscht vor dem Madrider Königspalast schon fast Sommer.

Am Nachmittag sehen wir zunächst im Museo Reina Sofía Werke der großen spanischen Maler der Moderne. Darunter: Dalí, Picasso und der doch eher banalen Joan Miró. Auch Picassos weltberühmtes Monumental-Werk „Guernica“ hängt hier. Im Anschluss gönnen wir uns – bei freiem Eintritt – noch einen Besuch im Prado, einer der wichtigsten Sammlungen klassischer Malerei der Welt. Besonders eindrucksvoll hier sind Goyas düstere „Schwarze Gemälde“ und die Herrscherporträts des spanischen Hofmalers Velázquez.

Madrid Stadtpalast

Madrid: Am Stadtpalast der spanischen Königsfamilie

Madrid Zentrum Architektur

Prachtarchitektur im Zentrum der spanischen Hauptstadt

Im Reich von Don Quijote

Am folgenden Morgen brechen wir nun wirklich auf zum Ende des europäischen Kontinents und profitieren von einem netten Gimmick der spanischen Staatsbahn Renfe: Wer ein Fernzugticket besitzt, darf nämlich mit der S-Bahn kostenlos bis zum Einstiegs-Fernbahnhof fahren.

Am Bahnhof Madrid Atocha gibt es dann Szenen wie beim Einchecken in ein Flugzeug: Ein Schalterbeamter prüft die Tickets noch in der Bahnhofshalle, ehe wir den Bahnsteig betreten dürfen. Die Zugfahrt im Großraumwagen nach Algeciras führt durch Landschaften, die sich seit den Zeiten des Ritters Don Quijote kaum verändert haben.

S-Bahn Madrid Atocha

Kostenlose S-Bahn-Fahrt zum Bahnhof Madrid Atocha

Landschaft Spanien Madrid Algeciras

Landschaften wie zu Zeiten des Ritters Don Quijote

Zug Renfe Algeciras

Algeciras: Ankunft am Südzipfel Spaniens

Adiós, Europa

In Algeciras sind wir an der Südspitze Spaniens angekommen. Ein kurzer Fußmarsch liegt zwischen Bahnhof und Fährhafen. Tickets für die Überfahrt nach Marokko besorgen wir erst direkt im Hafengebäude.

Nach einer langwierigen und chaotischen Abfertigung legt unsere Autofähre schließlich ab. Bereits auf dem Schiff müssen alle Passagiere zur marokkanischen Grenzkontrolle antreten und sich einen Einreisevermerk in den Pass stempeln lassen. Während wir in der Schlange warten, zieht die Fähre am legendären Felsen von Gibraltar vorbei. Insgesamt dauert die Überfahrt nach Afrika nur rund anderthalb Stunden, bald sind an der felsigen Küste Marokkos die ersten Dörfer zu erkennen. Adiós, Europa!

Fähre Marokko

Auf der Fährüberfahrt nach Afrika

Felsen Gibraltar

Das Ende von Europa: Felsen von Gibraltar

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Wie es nach der Überfahrt weiterging, erfährst du im zweiten Teil unseres Berichts. Komm mit auf eine Zugfahrt durch 1001 Nacht!