Tschechien hat mehr zu bieten als Prag. Zum Beispiel elf weitere spannende Orte, die zum UNESCO-Welterbe gehören. Wie du sie mit dem Zug besuchst und dabei Land und Leute kennenlernst, erzählt dir unsere zwölfteilige Serie.

Schuld war mal wieder der Nachtzug. Es muss in Prag gewesen sein, als ich in einen besonderen Schlafwagen stieg. Sein Lack schimmerte in kräftigem Saphirblau, darauf hatte die tschechische Bahn knallgelbe Motive geklebt. Zum einen waren da sieben Sterne, die breite Pinselstriche zum Sternbild des Großen Wagen verbanden. Zum anderen war da die Silhouette einer Stadt. Ihren Namen hatte ich nie zuvor gehört: Telč.

Welterbe Tschechien

Eine Infotafel im Gang klärte mich auf. Säuberlich aufgelistet waren dort jene zwölf Orte in Tschechien, die die UNESCO bislang als Welterbe ausgezeichnet hat. Angeführt wird die Liste – natürlich – von Prag. Seit 1992 darf die Stadt mit der größten Burganlage der Welt den begehrten Titel führen. Doch schon im gleichen Jahr, als insgesamt dritte Stätte, wurde die Altstadt von eben jenem Telč von der UNESCO geadelt. Nach und nach kamen weitere Orte hinzu, bis 2003 mit dem jüdischen Viertel und der Basilika von Třebíč das Dutzend voll war.

Welterbe Tschechien, das sind:

  1. Das historische Zentrum von Prag (seit 1992)
  2. Der mittelalterliche Stadtkern von Český Krumlov (1992)
  3. Die Altstadt von Telč (1992)
  4. Die Kirche des hl. Johannes von Nepomuk bei Žďár nad Sázavou (1994)
  5. Das historisches Zentrum von Kutná Hora (1995)
  6. Die Kulturlandschaft von Lednice-Valtice (1996)
  7. Das Schloss und die Gärten von Kroměříž (1998)
  8. Das historische Dorf Holašovice (1998)
  9. Das Renaissance-Schloss von Litomyšl (1999)
  10. Die Dreifaltigkeitssäule in Olomouc (2000)
  11. Die Villa Tugendhat in Brno (2001)
  12. Das jüdische Viertel und die Basilika in Třebíč (2003)

Rollende Botschafter

Kurze Zeit später beschaffte die České dráhy neue Schlafwagen des Typs „Comfortline“ – die gleichen übrigens, die heute auch beim ÖBB-Nightjet im Einsatz sind. Es waren genau zwölf. Irgendwem muss dann das Licht aufgegangen sein: Warum nicht jeden Schlafwagen zum Paten für ein Welterbe machen?

Gesagt, getan. Fortan rollten die Wagen mit Namen und Konterfei der UNESCO-Stätten als Kulturbotschafter durch Europa – zumindest bis vor kurzem. Denn seit die tschechische Bahn damit begonnen hat, die Schlafwagen in ihr blau-weißes Einheitskleid umzulackieren, ist es vorbei mit der individuellen Gestaltung.

Schlafwagen Telč Welterbe Tschechien

Schlafwagen „Telč“ erreicht den Berliner Hauptbahnhof

Eine Idee entsteht

Warum ich dir das alles erzähle? Nun, als ich so vor dem Aushang stand, dauerte es nicht lange, und in meinem Kopf verbanden sich die Punkte auf der Landkarte mit Linien – ganz so, wie beim Großen Wagen draußen. Es sollte doch möglich sein, all diese Orte zu einer Entdeckungstour durch Tschechien zu verknüpfen – natürlich mit der Eisenbahn. Neben der Schweiz hat Tschechien schließlich das dichteste Schienennetz Europas.

Schon lange wollte mehr lernen über das Land, von dem ich bislang nur die Hauptstadt und die Gegend um Liberec kannte. Als Wegweiser drängten sich die UNESCO-Stätten Böhmens und Mährens geradezu auf. „Eine gute Idee“, dachte ich mir, als wir längst durch die Nacht ratterten und ich langsam über meinem Gute-Nacht-Bier wegdämmerte. Sie verschwand in der riesigen Kiste an Touren, die man unbedingt einmal machen muss.

Plötzlich geht es ganz schnell

Dort schlummerte sie einige Monate. Doch dann, als unser Autor und Blogger-Kollege Tom im Februar zu seiner Winterreise nach Böhmen aufbrach, poppte die Idee plötzlich wieder auf. Manchmal brauche ich nur einen kleinen Impuls, dann geht alles ganz schnell. So auch hier: Mitte März hatte ich beruflich in Berlin zu tun. Und weil es von Berlin nicht weit nach Dresden ist, und man von Dresden Bier, Braten und Knödel ja fast schon riechen kann, stand in Sekunden fest: Nach der Tagung geht es für eine Woche nach Tschechien. Hurra!

Der Termin stand also. Lange Abende saß ich nun über der Streckenkarte von Tschechien und versuchte, alle Welterbestätten in sieben Tage zu packen. Doch mein Anspruch war mittlerweile größer: Ich wollte sie nicht nur irgendwie mit dem Zug anfahren, sondern auf dem Weg möglichst viel von der tschechischen Bahnkultur erleben. Mit seinen Nebenbahnen, Schnellzügen und Speisewagen ist Tschechien nämlich nicht nur Heimat der Weltkultur, sondern auch ein wahres Paradies für Bahnliebhaber.

Kathedrale St. Peter und Paul Brno Tschechien Bahnhof Schnellzug

In Tschechien geben sich Welt- und Bahnkultur die Hand, wie hier am Bahnhof von Brno

Interrail: Spontan statt Plan

Aber wie das immer so ist, wenn man alles will: Am Ende steht man meistens mit leeren Händen da. So verhedderten sich landschaftlich reizvollen Strecken immer wieder mit interessanten Zugläufen, und es gab zu viele lose Enden, die nicht zueinander fanden. Was den Knoten dann durchschlug, war ein einfaches Rezept: Spontanität und Gelassenheit. Warum sich nicht mal wieder einfach in den Zug setzen, ohne den großen Masterplan im Gepäck?

Das perfekte Ticket dafür heißt Interrail. Dank Frühlingsrabatt war das sogar ein echtes Schnäppchen. Noch günstiger wäre ich vielleicht mit den regionalen Tageskarten der České dráhy gefahren, doch Interrail verschaffte mir maximale Flexibilität. Ich kaufte mir also in Berlin einen One Country Pass Tschechien, setzte mich in den EuroCity und fuhr bis Ústí nad Labem. Dort hatte ich die erste Unterkunft gebucht, alles andere sollte sich während der Reise ergeben.

Interrail One County Pass Tschechien Reisetagebuch

Ein Interrail-Ticket sorgt für maximale Flexibilität

Alles außer Prag

Nur eins stand für mich fest: Um Prag würde ich diesmal einen Bogen machen. Schon oft genug hatte ich mich mit den Touristenmassen über die Karlsbrücke geschoben. Nun sollten elf andere Städte die Hauptrolle spielen. Das zweite Bier im Speisewagen förderte dann den Namen für das Projekt zu Tage: Ich nannte sie meine „Tschechien Eleven“. Oder als Hashtag verpackt: #Tschechien11.

Die Spielregeln: Start in Ústí, danach mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu allen Welterbestätten außer Prag – und das möglichst abseits ausgetretener Pfade und mit Herz für die Nebenbahn. Sieben Tage später musste ich in České Budějovice sein, von dort hatte ich die Rückfahrt im Schlafwagen nach Zürich gebucht.

Karlsbrücke Prag Touristen Massen

Prag ist Welterbe Nr. 1, Millionen Touristen können nicht irren. Oder doch?

Weltkultur trifft Bahnkultur

Ob es geklappt hat? Das erzähle ich dir in den kommenden Wochen. Dies ist der Auftakt einer zwölfteiligen Serie. Ich möchte dir zeigen möchte, dass Tschechien mehr zu bieten hat als Prag. Und warum die tschechische Eisenbahn nicht nur zu den besten in Europa zählt, sondern auch zu den liebenswertesten.

Also: Sei dabei, wenn sich Weltkultur und Bahnkultur die Hand geben. Wenn Kirchen und Kathedralen auf Brotbüchsen und Taucherbrillen treffen. Wenn es das Normalste auf der Welt ist, sich schon morgens um 9 die Umstiegszeit mit einem Bier zu verkürzen. Und wenn es ein Drei-Gänge-Menü zwischen Bahnhofskneipe und Speisewagen gibt.

Steig ein und komm mit ins Land der blauen Züge!

Welterbe Tschechien – Die Serie