Olomouc ist eine bedeutende Kulturstadt in Tschechien – und dennoch kaum bekannt bei Touristen. Auch auf der Anreise gibt es einiges zu entdecken, zum Beispiel eine der steilsten Bahnstrecken des Landes.

Die Pest muss heftig gewütet haben in Mähren. So heftig, dass die Bewohner der Stadt Olomouc (Olmütz) aus Dankbarkeit über ihr Ende ein riesiges Denkmal errichteten: Die Dreifaltigkeitssäule. Nach fast 40 Jahren Bauzeit wurde das reich verzierte Bauwerk 1754 eingeweiht – von Kaiserin Maria Theresia persönlich. Im Jahr 2000 zeichnete die UNESCO die Pestsäule als Höhepunkt des Barock mit dem Welterbetitel aus.

Olomouc, einst geistiges und kulturelles Zentrum Mährens, ist heute eine lebendige Studentenstadt mit knapp 100.000 Einwohnern. Von Litomyšl, der zweiten Station meiner Reise zu Tschechiens Welterbestätten, ist Olomouc eigentlich nur zwei Stunden entfernt. Ich habe mich jedoch für einen kleinen Umweg entschieden. Er führte mich über eine der wenigen Gebirgsstrecken des Landes, den Schlesischen Semmering. Welche Überraschung mich oben erwartete, erfährst du in diesem Bericht.

Tschechische Präzision

Am niedlichen Bahnhof von Litomyšl wartet mit der Regionova eine mittlerweile gute Bekannte. Ich setze mich in das kleine Abteil hinter dem Lokführer, hier kann ich ungeniert das Fenster öffnen. Anders als gestern ist heute kein Umstieg in Vysoké Mýto nötig. Stattdessen werden wir an den bereits wartenden Triebwagen gekoppelt, was für leuchtende Kinderaugen auf dem Bahnsteig sorgt. Die dazugehörigen Mütter, die im Nieselregen am Gleis ausharren müssen, sehen das naturgemäß etwas anders.

In Choceň habe ich einen schlanken Umstieg von vier Minuten. Dank tschechischer Präzision klappt das aber wie am Schnürchen. Neidisch auf die Bahnstreber aus der Schweiz muss hier niemand sein. Für ein Stück geht es nun auf die Hauptstrecke Richtung Brno. Mein Schnellzug rauscht ein, ich marschiere direkt zum letzten Wagen. Wie erhofft ist es wieder einen Uralt-Modell mit „Fenster auf“ – hurra!

Regionova am Bahnhof Litomysl

Abfahrt am Bahnhof von Litomyšl

Bahnhof Vysoke Myto Mesto

Heute ging es ohne Umstieg in Vysoké Mýto nach Choceň

Regionova Rychlik Bahnhof Chocen

Dort stand ein 4-Minuten-Umstieg an – kein Problem bei der tschechischen Bahn

Alte und neue Zeiten

Lange hält es mich nicht im Abteil. Weil ich meine Mitreisenden nicht stören will, lebe ich meine Fahrwind-Obsession am Gangfenster aus. Wir sausen durch liebliches Mittelgebirge, der feine Regen lässt die Hänge dampfen. In Ústí nad Orlicí legen wir einen fotogenen Zwischenhalt ein. Dass er etwas zu lange dauert, liegt nicht an den vielen Fahrgästen, die hier aussteigen, sondern der privaten Konkurrenz: Rechts überholt uns mit Höllentempo der gelbe Schnellzug des Betreibers RegioJet. Sinnbild für die Zukunft im tschechischen Bahnverkehr?

Am Bahnknoten Česká Třebová muss ich schon wieder aussteigen. Hier empfängt mich ein besonderes Schmankerl: Eine Brotbüchse im Originalzustand! Wie die meisten Triebfahrzeuge in Tschechien trägt auch sie einen Namen – Kristýnka. Als wäre die Zeit vor 40 Jahren stehengeblieben, wartet sie geduldig auf ihre Fahrt über die Dörfer.

Für mich geht es aber noch kurz mit dem Fernverkehr weiter. Weil mein Zug mit +10 angezeigt wird, schlendere ich noch etwas durch den Bahnhof. Doch plötzlich quietschen Bremsen. Ich ahne: Es ist mein Zug, der gerade am Bahnsteig zum Stehen kommt! Und tatsächlich – von Verspätung ist keine Rede mehr. Mit einem beherzten Sprint schaffe ich es gerade so.

Schnellzug Rx Tschechien

Trotz Regen heißt es im Schnellzug einmal mehr: Fenster auf!

Usti nad Orlici Bahnhof Schnellzug

Etwas zu langer Halt am hübschen Bahnhof von Ústí nad Orlicí

Bahnhof Česká Třebová Brotbüchse Schnellzug

Eisenbahn wie vor 40 Jahren lässt sich manchmal noch in Česká Třebová erleben

Speisewagen-Glück

Nachdem ich schon verschiedene Formen des Rychlík getestet habe, erklimme ich mit dem Expres (Ex) nun die nächste Stufe der Komfortleiter. Wichtigstes Merkmal für mich: Der Zug führt einen Speisewagen. Besser noch, es ist ein slowakischer Halbspeisewagen – und damit eine Premiere für mich! Natürlich verschwende ich keine Zeit und setze mich direkt an die Bar. Mir bleiben 20 Minuten, innerlich verfluche ich meinen Zeitplan.

Bewirtschaftet wird das rot-weiße Juwel von der tschechischen Schlaf- und Speisewagengesellschaft. Die junge Kellnerin ist sichtlich überfordert, gibt sich aber alle Mühe, es ihren Gästen nicht anmerken zu lassen. Es ist 11 Uhr, nicht zu erwähnen, dass längst frisch Gezapftes auf den halbrunden Tischen steht. Ich halte mich aber noch zurück – die Eisenbahn verlangt meine volle Konzentration. Mit der Bedienung einige ich mich auf einen Kaffee im Pappbecher, den kann ich zur Not mitnehmen.

Halb Speisewagen Slowakei

Was für ein Glück: Am nächsten Zug hängt ein slowakischer Halbspeisewagen!

Halb Speisewagen Slowakei Innenraum Bar

Leider reicht die Zeit nur für einen schnellen Kaffee an der Bar

Ein Eilzug entsteht

Beim nächsten Umstieg in Zábřeh na Moravě ist das Gleis noch von einem anderen Zug blockiert – denke ich zumindest, bis ich merke, dass „mein“ Zug aus den letzten beiden Wagen besteht. Sie waren als Kurswagen mit dem Schnellzug aus Brno gekommen. Vorn wird noch schnell eine Taucherbrille angekoppelt und zack, fertig: Eilzug Sp 1707 nach Jeseník.

Der Zug über den Semmering ist die Hautattraktion des heutigen Tages. Das Problem ist nur: Es ist voll, draußen regnet es Bindfäden, mit tollen Fotos wird das wohl nix. Oder doch? Bald entdecke ich, dass im Abteilwagen hinter der Lok viel weniger los ist und ziehe dorthin um. Den Rest der Fahrt verbringe ich am offenen Fenster im Gang und kann beobachten, wie sich immer mehr Schneeflocken unter den Regen mischen.

Schlesischer Semmering Eilzug

Die Fahrt über den so genannten Schlesischen Semmering ist das Highlight des heutigen Tages

Schlesischer Semmering Fenster auf Schnee

Unter den Regen mischen sich immer mehr Schneeflocken

Unerwartete Winterfreuden

Streng genommen beginnt der Schlesische Semmering erst im Örtchen Hanušovice. Ab hier gewinnen wir Kurve um Kurve um Höhe. Auch wenn die Taucherbrille eigentlich wenig Mühe mit unserem Mini-Zug haben sollte, röhrt und rußt die Diesellok ganz schön – herrlich! Es sind die beachtlichen Steigungen von über drei Prozent, die der Strecke im Altvatergebirge ihren alpinen Namen gaben. Bei ihrer Eröffnung im Jahre 1888 sorgte sie für eine Verbindung Mährens mit der preußischen Eisenbahn.

Diese Reise, eigentlich als Fahrt in den Frühling gedacht, wird mehr und mehr zum letzten Winterabenteuer. Am Scheitelpunkt der Strecke, dem Ramsauer Sattel, sind die Ski- und Rodelpisten auch kurz vor Ostern noch bestens präpariert. So sind es vor allem Langläufer und Familien mit Schlitten, die an den verschneiten Bahnhöfen aussteigen. Auch der Zug ist auf Wintersportler eingestellt: Im Vorraum meines Wagens gibt es spezielle Halterungen für Ski, vom ersten Abteil aus kann man die Fracht sogar durch ein Sichtfenster beobachten.

Bahnhof Ostružná Schlesischer Semmering Winter

Auch kurz vor Ostern sind es noch hauptsächlich Wintersportler, die an den Bahnhöfen aussteigen

Schlesischer Semmering Ramsauer Sattel Schnee Winter

Rund um den Scheitelpunkt der Strecke, den Raumsauer Sattel, herrscht dichtes Schneetreiben

Fern von App und Automat

Wir erreichen Jeseník, ein entlegenes Städtchen nahe der polnischen Grenze. Umso bemerkenswerter ist der Bahnhof: Obwohl hier bis zum Abend nur eine Handvoll Züge fährt, gibt es Fahrkartenschalter, zwei Kioske und eine personenbediente Gepäckaufgabe. Komplett wird die Versorgung mit dem gut vor Blicken geschützten Bahnhofsrestaurant. Orte wie dieser vermitteln eine Ahnung, was verloren geht, wenn der letzte Mensch durch Automaten und Apps ersetzt ist.

Mein Aufenthalt ist zu kurz ist für einen Besuch im Restaurace. Zwischen Werbeplakaten für das aktuelle Kursbuch halte ich mich an meinen Käsebroten. Auf dem Bahnsteig kämpfen derweil noch immer Schneeflocken und Regentropfen um die Vorherrschaft. Dazwischen hält mein Anschlusszug nach Krnov tapfer Stellung, einmal mehr ist es eine treue Regionova.

Bahnhof Jeseník Taucherbrille

Nach der Ankunft in Jeseník hat die Taucherbrille erstmal Pause

Regionova Bahnhof Jeseník

Weiter geht es mal wieder mit einer Regionova in Richtung Krnov

Polnische Episode

In Mikulovice zweigt die winzige Nebenbahn nach Zlaté Hory ab, die nur noch an Wochenenden bedient wird. Dort ist die tschechische Eisenbahn-Welt dann wirklich zu Ende. Wir hingegen bleiben auf der Hauptstrecke – und holpern Schienenstoß für Schienenstoß der polnischen Grenze entgegen. Das Besondere an der Strecke nach Krnov: Für ein paar Kilometer führt sie durch Polen. Der Personenverkehr wird allerdings allein durch die České dráhy abgewickelt, es gilt Binnentarif.

Trotz Interrail One Country Pass komme ich so also in den Genuss eines ganz legalen Grenzübertritts. In Głuchołazy legen wir sogar einen längeren Halt ein. Neben dem Zugbegleiter bin ich aber der einzige, der im menschenleeren Bahnhof einen Fuß auf polnischen Boden setzt. Nach Fahrtrichtungswechsel geht es weiter. Die Schienenstöße unterscheiden sich in ihrer Ruppigkeit kaum von den tschechischen. Inmitten von Wäldern, in denen die letzten Herbststürme ordentlich gewütet haben, machen wir schließlich den Polnischen und kehren zurück nach Tschechien.

Bahnhof Glucholazy Polen

Für ein kurzes Stück geht es durch Polen, inklusive Halt in Głuchołazy

Bahnstrecke Polen Zugfenster Regionova

In Sachen Schienenströße unterscheiden sich die polnischen Gleise kaum von den tschechischen

Von Krnov nach Olomouc

Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir Krnov. Hier ist ganz schön was los: Die Bahnsteige sind schwarz vor Menschen, Züge kommen aus allen Richtungen. Auch in Tschechien ist der Freitagnachmittag das, was man eine reisestarke Zeit nennt. Vorbei an menschlichen Slalomstangen und tiefen Pfützen schlängle ich mich zu meinem letzten Zug für heute, den kastigen Triebwagen nach Olomouc.

Auch diese Fahrt geht über eine überraschend schöne und teilweise spektakulär trassierte Strecke. Draußen probt das Wetter einmal mehr für den April. Weil ich außerdem schon recht kaputt bin von dem langen Bahntag, verzichte ich auf die Foto-Session. Stattdessen döse ich vor mich hin, ehe wir im letzten Tageslicht den Hauptbahnhof von Olomouc erreichen.

Bahnhof Krnov Umstieg

Ordentlich was los am Bahnhof von Krnov, es ist schließlich Freitag

Bahnhof Olomouc Bahnsteig

Ankunft am Bahnhof Olomouc hlavní nádraží nach einem langen Bahntag

Hauptbahnhof Olomouc Empfangsgebäude

Auf dem Bahnhofsgebäude von Olomouc thront das Flügelrad

Hipper als gedacht

Auf dem wuchtigen Empfangsgebäude weist mir das weltweite Symbol der Eisenbahner, das Flügelrad, den Weg zum Zentrum. Eine schnurgerade Straße führt mich durch einen bunten Stilmix aus Sowjet-Platte und schmuckem Altbau. Vor mir zeichnet sich die Silhouette aus Kirchen und Rathaus ab, neben mir bimmelt die Straßenbahn. Kurzum: Ich bin in einer richtigen Stadt.

Dass diese so viel lebendiger wirkt als das manchmal etwas behäbige Prag, liegt nicht zuletzt an den 25.000 Studenten, die regelmäßig an die Universität strömen. Sie sind wohl auch der Grund, warum im Zentrum Bioläden und Szene-Cafés aus dem Boden schießen. Meine Unterkunft liegt in einer Nebenstraße, in der es sogar so etwas wie Street-Art zu entdecken gibt. Touristen hingegen sind nach wie vor eher selten in Olomouc anzutreffen. Mit anderen Worten: Ich fühle mich auf Anhieb wohl!

Olomouc Straße

In die Innenstadt führt eine schnurgerade Straße mit Straßenbahn und allem Zipp und Zapp

Straßenszenen Olomouc Innenstadt

Erste Eindrücke aus der Innenstadt von Olomouc

Olomouc bei Nacht

Nach kurzem Boxenstopp mache ich mich auf zum nächtlichen Stadtrundgang. Olomouc‘ Altstadt prägen zwei zentrale Plätze: Der Obere Platz (Horní náměstí) mit Rathaus und der tatsächlich gewaltigen Dreifaltigkeitssäule, sowie der Untere Platz (Dolní náměstí) mit der kleineren, aber nicht weniger bedeutenden Mariensäule. Als Bistumssitz ist Olomouc außerdem eine Stadt der Kirchen. Die wichtigste von ihnen, der Wenzelsdom, strahlt vom nordöstlichen Zipfel der Altstadt herüber.

Der Untere Platz wimmelt vor gut besuchten Restaurants mit heimischer Küche. Dass dennoch kaum Englisch gesprochen wird, macht mich neugierig. So komme ich in einer urigen Kaschemme zum ersten Knödelkontakt dieser Reise. Das Bier schmeckt, um mich herum wird sich fröhlich zugeprostet – ja, endlich habe ich das Gefühl, in Tschechien angekommen zu sein.

Dreifaltigkeitssäule Olomouc Nacht

So sieht sie aus, die Dreifaltigkeitssäule bei Nacht

Olomouc Altstadt Nacht Rathaus

Zwischen den Fassaden lugt das Olmützer Rathaus mit seinem Uhrenturm hervor

Olomouc Dolní náměstí Nacht

Rund um den Unteren Platz (Dolní náměstí) gibt es reichlich Restaurants und Cafés

Olomouc Tram Nacht

Auch in der Nacht fährt die Straßenbahn Olomouc ihr 15 Kilometer langes Netz ab

Abschied bei Regen

Am nächsten Morgen drehe ich noch eine Runde um das Rathaus. Die Straßen sind menschenleer an diesem Samstagmorgen, das Wetter meint es nicht gut mit Spaziergängern. In aller Ruhe kann ich so den Hauptanlass meiner Reise unter die Lupe nehmen. Mit 35 Metern Höhe ist die Dreifaltigkeitssäule wirklich ein Gigant. Sie ist so groß, dass man sie sogar von innen begehen kann. Ein interessantes Detail ist die kleine goldene Kanonenkugel, die an den Beschuss der Säule durch die Preußen im Jahr 1758 erinnert.

Der Regen treibt mich jedoch bald zum Bahnhof. In einer Bierlaune habe ich mich gestern noch dazu entschieden, für die kommenden drei Nächte mein Lager in Brno aufzuschlagen. Von dort sollten sich die Welterbestätten im südlichen Tschechien bequem abklappern lassen – so mein Plan. Doch vorher steht noch ein Abstecher zu einer anderen Stadt auf dem Programm. Zu welcher, das erfährst du bald, wenn es wieder heißt: Welterbe Tschechien.

Olomouc Dreifalitgkeitssäule Rathaus

Am nächsten morgen hängen schwere Regenwolken über Dreifaltigkeitssäule und Rathaus

Olomouc Stadthaus Altstadt

Letzte Runde durch die menschenleere Altstadt – auf Wiedersehen Olomouc!

Welterbe Tschechien – Die Serie