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Der Speisewagen der Schweizer Bahn gehört zur Luxusklasse auf Europas Gleisen. Doch halten Essen und Service was der Preis verspricht? Eine kulinarische Testfahrt von Zürich nach Karlsruhe.

Schon oft bin ich im EuroCity der Schweizer SBB zwischen meiner norddeutschen Heimat und dem Rheinland hin- und hergependelt. Anfangs gefielen mir die Züge noch gut, versprachen sie doch etwas Abwechslung im Einerlei der Deutschen Bahn. Je öfter ich jedoch in Ländern wie Tschechien oder der Slowakei unterwegs war, wo ich noch echte Reisekultur erlebte, desto mehr gingen mir die sterilen Waggons mit ihrem Vis-à-vis-Zwang auf den Keks.

Eins hat für mich jedoch nie an Faszination verloren: Der Speisewagen. Das Bordrestaurant der SBB zählt zu den besten in Europa – aber auch zu den teuersten. Bislang ist daher immer nur bei einem Kaffee geblieben. Als ich nach einer langen Nachtzugfahrt wieder einmal in Zürich gelandet bin, war es an der Zeit, es endlich auch mit dem Essen zu probieren.

SBB Restuarant im EuroCity von Zürich nach Hamburg

Der SBB-Speisewagen wartet in Zürich auf seine Abfahrt

Nix los ab Zürich

Donnerstag, viertel vor elf. Auf Gleis 16 des Züricher Hauptbahnhofes wartet bereits Zug EC 8 auf seine Gäste. Drei Wagen der 1. Klasse, acht Wagen der 2. Klasse, dazwischen zwängt sich das knallrote SBB Restaurant. Noch herrscht gähnende Leere. Ob es am Wochentag liegt? Jedenfalls gedulde auch ich mich noch und nehme im Großraumwagen Platz.

Nach ereignisloser Fahrt durch – für Schweizer Verhältnisse – flache Landschaft erreichen wir Basel. Hier steigt fast der gesamte Zug aus. Kein Wunder: Mit einer halben Stunde Standzeit im Bahnhof Basel SBB ist der durchgängige EuroCity nur etwas für Liebhaber. Wer es eilig hat, nimmt den ICE vom Bahnsteig gegenüber. Nach einem Bummel durch die ungewohnt verschlafene Bahnhofshalle steige ich direkt ins rollende Restaurant.

Zurück in die Neunziger

Ein Besuch im Speisewagen ist auch immer eine Zeitreise. Mit seinem Interieur aus Leder, Chrom und Glas begrüßt mich das SBB Restaurant in den Untiefen der Neunzigerjahre. Da es kein separates Bistro gibt, wirkt der Gastraum riesig. Interessant ist die Sitzanordnung mit sich abwechselnden 2er- und halbrunden 5er-Tischen. Dazwischen sorgen gläserne Trennwände für ein wenig Privatsphäre.

Auffällig ist auch: Die Plätze sind nummeriert, über ihnen sind Halterungen für Reservierungszettel angebracht. Ja, man kann den Sitzplatz im Speisewagen tatsächlich reservieren – und sich die Gebühr von 5 Franken „bei der Konsumation“ anrechnen lassen, wie es in schönstem Schweizerdeutsch auf der SBB-Website heißt.

Heute ist das allerdings überflüssig. Zur besten Mittagszeit haben ganze zwei Gäste den Weg in den Speisewagen gefunden: Ein Geschäftsmann, der gerade in seinem Geldbeutel kramt um seine Currywurst zu bezahlen, und eine Frau, die unentwegt in ihren Laptop klappert und sich bis Karlsruhe an einem Glas Tee festhalten wird.

Innenraum im SBB Restaurant

Die Neunziger haben angerufen und wollen ihren Speisewagen zurück

Essen der neuen Generation

An den Glaswänden werben Plakate für Rindergehacktes mit Hörnli, Röstzwiebeln und Apfelmus. „Diese Speise stammt aus unserem neuen Gastronomie-Konzept SBB Catering 3.0“ steht dort. Die Elvetino – eine 100-prozentige Tochter der SBB und zuständig für die Bordverpflegung – hatte das Catering der dritten Generation im Herbst 2016 eingeführt. Grund seien „veränderte Essgewohnheiten der Kunden“, hieß es damals. Und weiter: Es gehe darum „die reine Verpflegung zu erweitern durch den wahren Wert der Gastronomie: die Gastfreundschaft!“

Heißt das, der Fokus liegt nun weniger auf Speisen und Getränken? Ich bin gespannt und entscheide mich für den Klassiker, der noch jeden Menüwechsel im SBB Restaurant überstanden hat: Zürcher Geschnetzeltes (nur echt ohne „i“). Die Kellnerin, die auch als Köchin ganz allein den Laden schmeißt, nimmt meine Bestellung freundlich entgegen. Nur beim Wunsch nach einem Radler muss sie passen – und empfiehlt stattdessen richtiges Bier. „Ist ja auch schon Donnerstag“, zwinkert sie mir zu.

Bier und Brot

Derart zum Alkoholkonsum verführt harre ich der Dinge, die da kommen. Ich staune nicht schlecht, als es dann zunächst eine Bierdose ist, die auf dem weiß gedeckten Tisch landet – zu einem Preis, für den man bei der tschechischen Bahn dreieinhalb frisch gezapfte Pilsner Urquell bekommt, wie eine schnelle Rechnung ergibt. Das ist schon fast wieder lustig.

Ein gutes Zürcher Geschnetzeltes braucht offenbar seine Zeit. Jedenfalls dauert es eine Weile, bis die nette Dame wieder aus der Küche auftaucht. Zunächst bringt sie einen Brotkorb und ein Päckchen Butter. Das Brot ist frisch und hat eine knackige Kruste – soweit verstehen sie bei Elvetino also ihr Handwerk. Kaum habe ich die erste Scheibe vertilgt, kommt auch schon das Hauptgericht.

Speisewagen Schweiz

Züge

Vollspeisewagen sind auf den EuroCity-Linien Zürich–Hamburg, Interlaken–Bern–Hamburg und (Basel)–Zürich–München unterwegs. Ein SBB Restaurant gibt es außerdem in den schnellen Triebzügen nach Mailand und im innerschweizerischen Doppelstock-Intercity.

Klassiker

Zürcher Geschnetzeltes mit Kartoffelpüree.

Bierpreis-Index

Die 0,5-Liter-Dose Feldschlösschen für ironiefreie 5 Euro.

Das Feuerwerk bleibt aus

Genau in diesem Moment tauchen wir in den mehr als 9 Kilometer langen Katzenbergtunnel ein. Als es wieder hell wird und alle Fotos gemacht sind, kann ich mich endlich dem Essen widmen. Das wirkt auf den ersten Blick übersichtlich: Über den Teller ergießen sich Kalbsfleisch und Rahmsauce, am Rand türmt sich eine Portion Kartoffelpüree. Einen Farbtupfer indes sucht das Auge vergeblich. Gemüse oder Salat? Fehlanzeige!

Das Geschnetzelte schmeckt gut, das erhoffte Feuerwerk bleibt aber aus. Die dünne Sauce verrät, dass es sich vermutlich um ein Convenience-Produkt handelt. Das Püree hingegen überzeugt auf ganzer Linie: Mit seiner angenehm festen Konsistenz und den kleinen Kartoffelstücken wirkt es wie selbstgemacht. Unter dem Strich bleibt so ein solides Gericht, das optisch ein wenig an Kantine und Mensa erinnert, preislich mit 22,20 Euro aber selbstbewusst bei der gehobenen Gastronomie anklopft.

Zürcher Geschnetzeltes mit Kartoffelpüree im SBB Restaurant

Zürcher Geschnetzeltes trifft Kartoffelbrei und Dosenbier

Störung im Betriebsablauf

Den Kaffee nach dem Essen schlage ich zunächst aus. Ein Fehler, wie sich bald zeigt: Kurz hinter Freiburg legt ein Stromausfall die gesamte Küchentechnik lahm. „Nicht schon wieder“, stöhnt die Koch-Kellnerin. Das gleiche sei gestern schon einmal passiert, an derselben Stelle. Schuld ist offenbar eine Schwankung im Bordnetz, die den Speisewagen kapitulieren lässt. Immer wieder läuft die Gastro-Mitarbeiterin zum Schaltschrank am Wagenende und versucht verzweifelt ihr Arbeitsgerät zu reanimieren – vergeblich. Mit jedem Gang wird sie hektischer.

Mittlerweile sind einige (deutsche) Fahrgäste im Speisewagen eingetrudelt und kommentieren den Ausfall auf ihre Weise. Es sind Sätze, die mit „Sie können ja nichts dafür, aber…“ beginnen und den üblichen Hasstiraden über „die“ Bahn enden. Ein älteres Ehepaar bleibt von all dem unbeeindruckt und freut sich, dass es immerhin kalten Wurstsalat gibt.

Bitterer Nachgeschmack

Ich nutze die Zeit für ein wenig Recherche. Staunend erfahre ich, dass die Elvetino als größtes Problemkind innerhalb der Schweizerischen Bundesbahnen gilt. Von Chaos und Dilettantismus ist da die Rede, der Veruntreuung von Firmengeldern und Niedriglöhnen. Ein Bild, das so gar nicht in das Eisenbahnparadies Schweiz passen will.

NEW Catering. We make you happy.

— Werbebotschaft zum „Catering 3.0“ im SBB-Speisewagen

Was mich am meisten schockiert: Vor drei Jahren führte die Elvetino einen Strafenkatalog zur „Disziplinierung“ der Mitarbeiter ein. Schon kleinste Verfehlungen, wie eine Falte im Hemd, führen zu Strafpunkten. Gibt es zu viele, flattert die Kündigung ins Haus. Die Elvetino beteuerte zwar unlängst, das skandalöse System abzuschaffen, bei den Mitarbeitern aber sitzt die Verunsicherung tief. Es ist ein Klima der Angst.

Die hohen Preise, die plötzliche Hektik nach dem Stromausfall – all das erscheint nun in einem anderen Licht. So bleibt ein bitterer Nachgeschmack, als wir auf meinen Zielbahnhof Karlsruhe zusteuern. Immerhin: Kurz bevor ich den Zug verlasse, läuft die Mitarbeiterin jubelnd durch den Zug. „Der Strom ist wieder da!“, ruft sie. Ich freue mich mit ihr – und hoffe, dass sie kein Problem mit ihrem Arbeitgeber bekommt.


Update: Im April 2018 kündigte die SBB eine neue Bordgastronomie an. Neben neuen Gerichten soll nun vor allem auf heimische Produkte gesetzt werden. Außerdem werden alle 600 Mitarbeiter der Elvetino neu eingekleidet. Ob es sich hierbei um eine nachhaltige Veränderung oder nur alten Wein in neuen Schläuchen handelt, bleibt abzuwarten. Positiv ist zu vermerken, dass die SBB nun die Speisekarten im Bordrestaurant samt Preisen im Internet veröffentlicht.

  • tobias b köhler
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    Author
    tobias b köhler

    Andererseits sind die Schweizer im ICE oder railjet immer wieder freudig über das preis-leistungs-verhältnis überrascht. Entsprechend gut sind die gastronomischen einrichtungen dieser züge zwischen Zürich und Basel oder Sargans nachgefragt.

    • Sebastian
      Antworten
      Author
      Sebastian Sebastian

      Hallo Tobias,
      ja, das kann ich mir vorstellen. Die Schweizer, die an der Grenze zu Deutschland wohnen, werden ja auch immer wieder im ALDI gesichtet 🙂
      Die ÖBB sind ja ab heute mit ihrem neuen Caterer DoN unterwegs. Die Speisekarte liest sich schon einmal sehr gut: http://don.at/Content/uploads/2018/03/DoNs_Bistro-Menu__DE_EN_HR_SL_CS_-1.pdf
      Bin gespannt und werde das demnächst auch einmal testen.
      Viele Grüße,
      Sebastian