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Auf große Fahrt geht es mit dem Nachtzug von Sizilien nach Mailand. Über 20 Stunden braucht der „Intercity Notte“ für seine Reise quer durch Italien. Über Nacht den Stiefel entlang – eine Fährfahrt inklusive.

Nachtzüge erleben heute erstaunlicherweise eine kleine Renaissance. Für Distanzen, welche sich gut im Nachtsprung überwinden lassen, sind sie die optimale Lösung: Man legt sich am Abend ins Bett und erwacht am nächsten Morgen am Ziel. Doch was, wenn das Ziel weiter als eine Nacht, weiter als acht, zehn oder zwölf Stunden entfernt liegt?

Solche langlaufenden Nachtzüge waren früher üblich (und sind es beispielsweise in Russland bis heute noch). In der Früh wird das Abteil umgebaut, die Betten werden zu Sitzen, und man setzt seine Reise im Nachtzug über Tag fort. Kein Abteil nur zum Umfallen und Schlafen, vielmehr ein reisendes Zimmer, eine Art Kreuzfahrt auf Schienen.

Nachtzug auf großer Fahrt

In Zeiten von Hochgeschwindigkeitszügen werden solche Nachtverbindungen, die weite Distanzen zurücklegen, immer seltener. Aber hie und da findet man sie dennoch: Weil die Entfernungen so weit sind, wie in Skandinavien. Oder weil es immer schon so war, wie in Italien.

Es ist einer der längsten Nachtzüge Europas: Am frühen Nachmittag im südlichen Chaos Siziliens in Siracusa (Syrakus) einsteigen, am Vormittag des Folgetags nach etwas mehr als 21 Stunden in der vornehmen Welthauptstadt der Mode in Mailand aussteigen. Anfang November hat mich mein Verlangen nach Sonne diese Reise machen lassen – zwar nicht ganz von Siracusa, aber ab Catania. Dennoch Zeit genug, um den Nachtzug mit seinen Besonderheiten zu genießen.

Abteil Intercity Notte Schlafwagen

Unser Nachtzugabteil im Schlafwagen, in der Tageskonfiguration

Rollendes Hotel mit Meerblick

Wer in Italien Zug fährt, der muss auf ein wenig Eigeninitiative vorbereitet sein. Beim Einstieg in den Schlafwagen in Catania (falls man in diese Gegend verschlagen wird, bietet sich auch eine Rundfahrt um den Ätna mit der skurrilen Ferrovia Circumetnea an!) begrüßt einen kein Schlafwagenschaffner, oder pardon, Steward. Man wuchtet sich und sein Gepäck selbst in den Zug, sucht sich sein Abteil und macht es sich bequem.

Es steht auch kein Prosecco bereit, wie gewohnt aus dem heimischen Nightjet der ÖBB, nein, es muss stattdessen geschmaust und getrunken werden, was der Supermarkt hergibt – und das ist in Italien nicht zu unterschätzen. Mit hervorragendem Käse, Oliven und sizilianischen Rotwein um ein paar Euro genießt man sein rollendes Hotel mit Meerblick. Wie eine Kreuzfahrt, nur umgekehrt: Nicht die Küste zieht an einem vorbei, nein, man ist die Küste, an der das Meer vorbeizieht.

Küste Messina Nachtzug Sizilien

Kurz vor Messina ist das Festland gegenüber zu erkennen

Ein Zug sticht in See

Langsam dämmert es und der Zug nähert sich Messina. Hier beginnt das Ende von Italien – böse Zungen sagen, der Anfang von Afrika. Messina ist das Tor zu Sizilien, beziehungsweise für uns das Tor zu „Kontinentalitalien“. Beim Blick aufs Meer hat man jetzt ein Gegenüber. Dazwischen, auf der Straße von Messina, wird unsere Kreuzfahrt auf Schienen zur Kreuzfahrt auf schwimmenden Schienen: Hier wird noch trajektiert, ja, hier vereinen sich Schiene und Fähre, der Zug fährt aufs Schiff. Im Personenverkehr in Europa eine Seltenheit, sonst kann man das nur mehr von Deutschland nach Skandinavien finden.

Verladung Zug Fähre Sizilien

Die Verladung auf die Fähre

Wer die deutsch-dänische Eisenbahnfähre kennt, weiß, dass es dort ruck, zuck geht: Der ICE fährt als Ganzes auf die Fähre, und wenige Minuten später legt diese ab. Aber in Italien, und besonders im Süden, gehen die Uhren anders: Hier passen nur maximal zwei Personenwagen am Stück aufs Schiff. Der Zug muss also getrennt werden – und damit nicht jedes Mal die Rangierlok angekuppelt werden muss, wird während des Verschiebens getrennt. Ein mehrmaliges Hin und Her, aufs Schiff und wieder retour, ist also notwendig.

Nach viel Geschreie und Gepfeife seitens des Eisenbahnpersonals ist der Schlafwagen endlich am Schiff festgezurrt. Ich steige aus und genieße die Überfahrt an Deck – natürlich mit dem typischen 1-Euro-Espresso aus dem Bistro an Bord.

Schlafwagen Fähre Silizilien

Schlafwagen am Schiff

Hafen Messina Sizilien

Ausfahrt aus dem Hafen von Messina

Alle Mann an Bord

Gegenüber angekommen, also in Villa San Giovanni, sehen wir nach mehreren Stunden Fahrt nun endlich auch Personal in unserem Wagen: Der Schlafwagenschaffner, wir nennen ihn Luigi, steigt zu. Er bringt uns reichlich Reiseutensilien (sogar Nähzeug ist dabei) und macht die Betten. Auch einige wenige Fahrgäste steigen zu, wirklich voll ausgelastet ist unser Zug aber nicht.

Ein Blick in den Fahrplan verrät auch wieso: Man kann sechs Stunden später, also am Abend, in den Nachtzug nach Rom steigen und am Morgen dort in den Freccarossa, den italienischen Hochgeschwindigkeitszug, wechseln – und ist so nur eine Stunde nach uns in Mailand. Kein Wunder, dass sich die Nachfrage für unseren direkten, aber auch deutlich länger fahrenden Zug in Grenzen hält.

Nachtzug Sizilien

Züge

Drei tägliche Nachtzüge verbinden Sizilien mit Mailand und Rom. Auf der Insel sind sie in zwei Teile geteilt, einen von/nach Palermo und einen von/nach Siracusa. Die Intercity Notte führen neben Schlafwagen auch Liegewagen.

Schifffahrt

Die Überfahrt mit der Fähre von und nach Sizilien ist im Preis inbegriffen. Die Fahrt selbst dauert etwa 30 Minuten, das Verladen der Züge bis zu zwei Stunden.

Tickets

Fahrkarten gibt es online bei der italienischen Bahn Trenitalia. Frühe Buchung sichert die günstigsten Preise.

Doch uns stört es nicht, anstatt unchristlich in aller Früh in Rom aufstehen zu müssen, können wir uns entspannt ohne Wecker schlafen legen. Am nächsten Tag erwachen wir bei wunderbarem Panorama: Unsere Kreuzfahrt geht weiter, oder hat nie aufgehört. Als es hell wird, passieren wir gerade die Cinque Terre. Immer die Küste entlang erreichen wir am Morgen Genua, wo wir nun endgültig auf Wiedersehen zum Meer sagen.

Land in Sicht: Buongiorno Milano

Irgendwann, kurz vor Mailand, bringt uns Luigi ein Frühstück: Ein abgepacktes Kipferl, ein kleines Päckchen Saft und, zu unserer Überraschung, einen Espresso. Ein Blick auf den (bis Villa San Giovanni frei zugänglichen) Arbeitsplatz von Luigi offenbart: Er hat sogar eine Kaffeemaschine mitgebracht.

Intercity Notte Milano Centrale

Ankunft in Milano Centrale

Pünktlich wie selten in Italien erreichen wir ausgeschlafen das Ende unserer Kreuzfahrt auf Schienen. Mailand begrüßt uns mit Sonne, auch wenn wir jetzt schon die Jacke brauchen. Wir genießen noch für einige Stunden das einzigartige Großstadtgewühl, bis es über Venedig noch am selben Tag weiter nach Wien geht. Wer will, könnte von hier wieder den Nachtzug nehmen und zur nächsten Kreuzfahrt aufbrechen – dann aber ohne Wasser.