Der EuroCity „Mimara“ sorgt für eine direkte Verbindung zwischen Frankfurt und Zagreb. Fips ist mitgefahren – und berichtet über eine Zugfahrt ganz ohne Sorgen.

Normalerweise fährt ein Zug von A nach B. Wer jedoch weiter nach C möchte, muss in B in einen Anschlusszug steigen. Es geht aber auch bequemer: mit Kurswagen. Statt den Wagen zu verlassen, wird er von dem einen Zug abgekoppelt und an den anderen angehängt.

Beim Nachtzug ist dieses Prinzip noch recht verbreitet. Tagsüber hingegen werden Kurswagenzüge immer seltener. Einer der letzten seiner Art ist der EuroCity 213. Die bequeme Direktverbindung zwischen Frankfurt am Main und Zagreb trägt sogar noch einen richtigen Namen: „Mimara“, nach dem kroatischen Maler und Kunstsammler Ante Topić Mimara.

In geheimer Mission

Jener Mimara war im Nebenberuf Geheimagent. Vielleicht liegt es daran, dass „sein“ Zug so schwer im Fahrplan zu finden ist. Man muss schon explizit nach einer Verbindung in die kroatische Hauptstadt suchen, denn der Abfahrtsplan kennt nur seinen Trägerzug, den EC 113 „Blauer Enzian“. Dessen Fahrtstrecke klingt allerdings eher nach Bergurlaub in Österreich, verbindet er doch Frankfurt „nur“ mit Klagenfurt am Wörthersee.

Immerhin: „Kurswagen mit Ziel Zagreb Glavni Kolodvor in Abschnitt A“, verkündet eine Laufschrift, als ich an Gleis 10 des Frankfurter Hauptbahnhofs eintreffe. Was die Anzeige nicht verrät, ist die Baustelle von Stuttgart 21. Wegen ihr fährt der Zug heute anders herum gereiht. Die Kurswagen sind zwar dabei, stehen aber in Abschnitt F. Aber wer wird schon pingelig sein. Die 300 Meter der 800 Kilometer langen Strecke kann man auch noch zu Fuß zurücklegen.

Mein Ziel heute soll nicht Zagreb sein, sondern Ljubljana. Praktisch niemand aus meinem Umfeld kennt die Möglichkeit, von Frankfurt ohne Umsteigen bis nach Slowenien oder Kroatien zu fahren.

Frakfurt Hauptbahnhof Anzeige EC 113

Zugzielanzeiger in Frankfurt am Main Hauptbahnhof

EC 113 Frankfurt Hauptbahnhof

Bis Villach hängen die Kurswagen nach Zagreb am EuroCity Frankfurt–Klagenfurt

Kompromiss Kurswagen

Der Zug sieht aus wie ein ganz gewöhnlicher EuroCity der ÖBB und hat um die zehn Waggons. In Villach werden die letzten drei abgekoppelt und zusammen mit einer slowenischen Lok zu EC 213. Für mich hat das den Vorteil, dass ich nicht umsteigen muss – und trotzdem eine Direktverbindung entsteht, die vielleicht nicht gerade einen 10-Wagen-Zug rechtfertigt. Ein eigener Zug Frankfurt–Zagreb mit nur drei Wagen hätte hingegen unter der Last der finanziellen Optimierung nur wenig Chancen. Die Kurswagen sind da ein guter Kompromiss.

Der „Mimara“ verbindet auf eine schöne Art und Weise viele Eigenheiten des europäischen Bahnverkehrs. Los geht es in Frankfurt um 8:20 Uhr. Mein Zug fährt an einem Sonntag, schon morgen wird er die Hochhäuser der Bankenmetropole im Berufsverkehr verlassen. Vorbei am Odenwald geht es über Darmstadt nach Heidelberg. Zwischen Heidelberg und Stuttgart erreicht der Zug seine Höchstgeschwindigkeit von 200 Stundenkilometer. Nur hier ist der ICE noch schneller unterwegs, auf dem Rest der Strecke ist die Reisezeit nahezu gleich.

Stuttgart Aussicht

Zwischen Heidelberg und Stuttgart erreicht der Zug seine Höchstgeschwindigkeit

Erste Berge in Sicht

In Gegenrichtung ändert sich der Charakter des Zuges: Verkehrt er auf dem Hinweg zu Dienstbeginn, so wird er auf dem Rückweg zum Feierabendzug. Morgens dürfte zwischen Frankfurt und Stuttgart der Kaffee noch für den meisten Umsatz im Speisewagen sorgen. Auf meiner Rückfahrt von Ljubljana sind die Sitzplätze an den Tischen gut belegt und das Radler leer.

Nach Stuttgart geht es über die Geislinger Steige recht gemütlich nach Ulm. Hier kann man die Alpen schon erahnen, doch spätestens ab München schieben sich die ersten „echten“ Berge ins Blickfeld. Gleichzeitig ist Stuttgart–Ulm der längste Abschnitt ohne Halt. Ansonsten ist der Zug zwar ein EuroCity, hält aber deutlich häufiger als ein ICE. Auf die knapp 13 Stunden Fahrtstrecke von Frankfurt nach Ljubljana verteilen sich 33 Zwischenstationen, eine Grenzkontrolle und zwei Rangieraufenthalte. Rein rechnerisch steht der Zug also fast alle 20 Minuten an einem Bahnhof.

Speisewagen ÖBB EuroCity

Bis Villach bleibt genug Zeit für einen Besuch im Speisewagen

Gemischtes Publikum

Wie die Landschaft vor dem Fenster verändert sich auch die Besetzung des Zuges. Während in Deutschland ausschließlich Fernreisende in den Zug steigen, ändert sich das in Österreich schlagartig. Eine Fahrkarte gilt hier immer in jedem Zug. Und so wird der EuroCity ab Salzburg zum besseren Regional-Express nach Golling-Abtenau, während zwischen Stuttgart und München die erste Klasse mit Geschäftsleuten gut ausgelastet ist.

Auf die große Fahrt in Richtung Balkan geht eine Mischung aus asiatischen Europa-Touristen, Reisenden mit slowenischen oder kroatischen Wurzeln auf dem Weg in die alte Heimat und Interrailern. Wer fährt schon 10 oder gar 13 Stunden mit dem Zug, wenn er die Strecke in zwei, drei Stunden mit dem Flugzeug zurücklegen kann? Womöglich sogar noch billiger.

Zuglaufschild EC 113 Blauer Enzian EC 213 Mimara

Zuglaufschild von EC 113 „Blauer Enzian“ und EC 213 „Mimara“

Auf und ab nach Villach

Hier sind also Menschen unterwegs, die entweder extra mit dem Zug fahren, weil es so schön ist (und das ist es tatsächlich!) oder die viel Zeit haben und gerne gemütlich reisen. Die gesamte Strecke ab Frankfurt fährt eigentlich nur die Gruppe der Bahn-Touristen. Erst zwischen Stuttgart und München beginnt sich der Zug auch mit Heimatreisenden zu füllen.

Der landschaftlich schönste Teil der Strecke beginnt mit der Abfahrt in Salzburg. Ab jetzt, bis kurz vor der kroatischen Grenze, begleiten die Alpen den Zug auf beiden Seiten. Entlang der Salzach bis hin zum Tauerntunnel werden wir immer näher an die Gipfel herangezogen – um danach wieder in Richtung Villach hinabzurollen. Diesen Teil der Strecke kann man am besten im Speisewagen verbringen, der nämlich bleibt im Zugteil nach Klagenfurt. Mein Teil nach Zagreb verkehrt ab Villach ohne Verpflegung.

Alpen Aussicht Zug

Zischen Salzburg und Villach gibt es spektakuläre Blicke auf die Alpen

Landschaft Alpen Kapelle

Immer wieder gibt es Sehenswertes zu entdecken, so wie dieses Kapelle

Getrennte Wege

Zwischendurch sorgt schon das Konzept „Kurswagen“ für Verwirrung. Eine Dame fragt, ob sie denn in den Wagen nach Zagreb mitfahren kann, wenn sie nach Schwarzach St. Veit möchte. „Ja, ist kein Problem“ – leider ist oft nicht angegeben, in welchem Ort die Kurswagen getrennt werden. Hier hilft nur Erfahrung oder geographisches Wissen.

Oder eben die Frage an das Begleitpersonal. Das wird auch aktiv: Kurz vor Villach füllen sich die Kurswagen nach Zagreb nochmals während der Fahrt. Es sind Last-Minute-Umsteiger, denen die Zugbegleiterin noch schnell Bescheid gesagt hat. In Villach Hbf wird der Zug dann getrennt. Und das ist noch echte Handarbeit: Ein Rangierer in schwarz verschmierter Warnweste klettert unter den Zug und schraubt die Kupplung auf. So können EC 113 und EC 213 den Bahnhof in entgegengesetzter Richtung verlassen.

Villach Hauotbahnhof EuroCity Mimara

In Villach treffen wir auf D 211 nach Vinkovci an der serbisch-kroatischen Grenze

Auf den Zentimeter genau

Beim Zusammensetzen des Gegenzuges – wenn EC 212 und EC 112 miteinander verschmelzen – wird sogar richtig rangiert. Nach Ankunft in Villach wird die slowenische Lok abgekoppelt und auf der anderen Seite die Lok für Frankfurt angekoppelt. Mit der geht es dann hinaus aufs Rangierfeld. Am anderen Ende steht besagter Rangierer mit Funkgerät und gibt die Entfernung zum anderen Zug durch. Der Lokführer muss ja blind rückwärts fahren, und das auf den Zentimeter genau. Bremst er zu früh, wird das mit dem ankuppeln nichts; fährt er zu weit, gehen im besten Fall ein paar Gläser im Speisewagen kaputt.

Hier aber ist Routine am Werk, ohne einen Ruck kommen wir Puffer an Puffer zum stehen. Kurz geschraubt, ein Zischen der Luftleitung, zwei Stecker verbunden, Übergangsbleche runtergeklappt und Türen aufgeschlossen – in weniger als einer halben Minute hat der erfahrene Rangierer die Züge verbunden. Anschließend werden die Bremsen noch auf Funktion geprüft und fünf Minuten später setzt sich der vereinigte Zug in Bewegung.

Gleisvorfeld Villach Hauptbahnhof

Auf der Rückfahrt wird in Villach fleißig rangiert, EC 112 aus Klagenfurt wartet schon

Der Balkan beginnt

Von Villach geht es dann zum Karawankentunnel, der Österreich mit Slowenien verbindet. Allerdings auch nicht ohne eine weitere Besonderheit: Die Kurswagen halten im winzigen Weiler Faak am See, dessen knapp 1.000 Einwohner schon beinahe in einen einzigen ICE passen würden.

Sobald wir die Grenze passiert haben, sind wir in einer anderen Welt. Auch wenn man sich über die Definition streiten kann: Für mich fängt hier der Balkan an. Woran ich das festmache? Kaum ist der EuroCity aus dem Tunnel über die ersten zwei Weichen gewackelt (und das ist ab hier wörtlich zu nehmen), wird hinter dem Zug fleissig das Gleis überquert. Nicht nachmachen!

Slowenien Landschaft Bahnübergang

Nach dem Krawankentunnel heißt es: Willkommen in Slowenien!

Ein Zug, viele Sprachen

Inzwischen wurde meine Fahrkarte vom vierten Bahnpersonal kontrolliert, dieses Mal das slowenische. Die Sprache der Ansagen ändert sich, der Wagen nicht. Das sind die Dinge, die auf der Reise faszinieren. In Deutschland begrüßt mich noch der gewohnte Text („Willkommen im EuroCity der Deutschen Bahn!“), was ab München im breiten Bayerisch schon etwas schwieriger zu verstehen ist.

Hinter Salzburg kommt dann der österreichische Dialekt aus dem Lautsprecher. Zwischen Villach und Jesenice bleibt der Dialekt, alleine die Sprache wechselt zu Englisch. Anschließend wird im Zug auch auf Slowenisch und Kroatisch durchgesagt. Hierfür steht der Zugführer auf und bedient sich am Hörer hinter einer Klappe.

Bahnstrecke Slowenien Jesenice Ljubljana

Blick auf die Strecke zwischen Jesenice und Ljubljana

Ankunft in Ljubljana

In Slowenien ist die Reisegeschwindigkeit des Zuges nochmal geringer, die Landschaft dafür umso schöner. Entlang der Sava fahren wir auf einer eingleisigen Strecke gemütlich zwischen den Bergen in Richtung Abend. In beinahe jedem Bahnhof stehen Züge, die auf die Weiterfahrt warten, doch wir haben Vorrang. Waren wir in Deutschland vielleicht ein exotischer Fernzug und in Österreich ein besserer Regional-Express – hier sind wir der internationale Schnellzug Mimara!

In Ljubljana endet meine Reise. Wir haben zehn Minuten Verspätung, weil wir in Villach auf Anschlussreisende warten mussten. Ein Böschungsbrand hatte ihren Railjet nach Venedig aufgehalten. Wegen eines Feuers bei Wien ist also der Zug aus Deutschlands Finanzmetropole in die Hauptstadt Kroatiens zu spät. Das System Bahn ist eben ein komplexes. Aber zehn Minuten auf 800 Kilometer durch drei Länder, das ist nicht der Rede wert.

Bahnhof Ljubljana

Ankunft am Bahnhof von Ljubljana nach zehn Stunden Fahrt

Ljubljana Slowenien Promenade Ljubljanica

Sloweniens Hauptstadt an der Ljubljanica ist stets eine Reise wert

Mein Fazit

Ich habe das Gefühl, mit mindestens drei Zügen gefahren zu sein – und musste doch nicht umsteigen. Es gab keine Sorge um verpasste Anschlüsse oder unbekannte Gleiswechsel. Der Anschlusszug musste warten: ich saß ja schon drin.

Die Fahrplanauskunft sieht diese Vorteile des Kurswagens indes nicht: Wäre ich wie vorgeschlagen in München umgestiegen, hätte ich eine halbe Stunde sparen können. Es ist aber dieses kleine Plus an Komfort, das für mich eine entspannte Reise ausmacht. Schade, dass in Zukunft immer mehr Kurswagen verschwinden werden. Zugunsten einer halben Stunde weniger Fahrzeit. Jedenfalls, solange man den Anschluss nicht verpasst.

Infos kompakt

Der EuroCity Mimara fährt täglich von Frankfurt (ab 8:13 Uhr) über Ljubljana (an 18:32 Uhr) nach Zagreb (an 20:51 Uhr). Die Abfahrt des Gegenzugs am Bahnhof Zagreb Glavni Kolod. ist um 7:00 Uhr, Ankunft in Frankfurt um 19:40 Uhr. In beiden Richtungen bietet die Deutsche Bahn den günstigen Sparpreis Europa Kroatien an (ab 49 Euro). Zwischen München und Zagreb verkehrt außerdem der Nachtzug „Lisinski“.